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Dementsprechend durchgefroren und mit leichten Halsschmerzen wachte ich am nächsten Morgen auf. Ein weiterer Grund dafür könnte aber auch gewesen sein, daß es nachts sehr kalt gewesen sein muß, denn es lag nicht nur Neuschnee auf der Straße, sondern die Fenster meines Hotelzimmers waren sogar von außen zugefroren!

Der erste Gedanke galt einem Adapter, der unbedingt besorgt werden mußte. Gott sei Dank hatte ich das schon in Köln getan und das Teil dann bei mir zu Hause liegen lassen. Na ja, Dummheit oder Vergeßlichkeit muß halt bestraft werden!

An der Rezeption hab ich vorsichtshalber nach einem Supermarkt gefragt. Doch auch hier gestaltete sich mein Unterfangen wieder alles andere als leicht, denn an der beschriebenen örtlichkeit existierte kein Supermarkt – zumindest nichts, was ich als Supermarkt deuten würde. Glücklicherweise lag die örtlichkeit direkt neben der Subway-Station, von der aus ich nach Manhattan fahren mußte, so daß ich „meine“ Linie 7 bestieg und mich in den Berufsverkehr stürzte.

Dort fiel mir auf, daß die New Yorker anscheinend alles in der U-Bahn machen, was man dort machen kann. Fast jeder hält irgendetwas in der Hand; ipod, iPhone, ein cellular phone, ein Buch oder eine Tageszeitung. Manch einer trinkt Kaffee, obwohl das streng verboten ist. Und an jeder Station spuckt die Subway die Leute aus ihren Waggons, die geradewegs in der Masse der umhereilenden Leute untergehen. Wobei es für den Außenstehenden wohl nur so aussieht, als ob die Personen ziellos umhereilen, denn eigentlich hat doch jeder ein Ziel vor Augen. Lediglich die Touristen bummeln an den markanten Orten etwas langsamer.

Als ich am Times Square die Subway verließ, machte sich der anfangs beim Verlassen des Hotels als leichter Schauer wahrgenommene Regen doch als stärker bemerkbar. So stark, daß ich nur wenige Stunden später bis auf die Knochen durchnäßt sein sollte, was zu meinem nächsten ärgernis führte, weil ich ja ohne Koffer angereist war. Jedenfalls wurde durch diesen strömenden Regen relativ schnell Schneematsch aus der weißen Pracht. Und als ich das erste Mal fast bis zum Knöchel in einer Pfütze stand, fühlte ich mich nicht nur an eine Szene aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert, sondern wußte auch, warum die New Yorker an den Kreuzungen stets nach unten schauen und große Schritte machen.

Vom Times Square aus wollte ich ein Geschäft namens „Radio Shack“ suchen, wobei es sich um eines der größten Elektrogeschäfte der Stadt (oder des ganzen Landes) handeln soll. Ein Blick auf die Karte in meinem iPhone verriet mir, daß sich das Geschäft ebenfalls an der 42. Straße unweit des Times Square in östlicher Richtung befinden sollte. Da ich gestern bereits hier war, machte ich mich zielsicher auf den Weg, ließ Madame Tussaud’s links liegen und stapfte durch den alles durchdringenden Wolkenguß. Doch nirgendwo tauchte das Geschäft auf, so daß ich nochmal mein iPhone zücken und einen Blick auf die Karte werfen mußte. Laut dieser stand ich direkt vor dem Geschäft. Aber ein Blick auf die angebrachte Aufschrift sagte etwas anderes aus. Also hier kein „Radio Shack“ mehr. Und ich zog unverrichteter Dinge – und vor allem ohne Adapter – wieder ab, immer Ausschau nach Elektroläden haltend. Da ich in einem Reisebericht im Internet gelesen hatte, daß man sich von den kleineren Elektroläden fernhalten soll, weil es sich dabei nur um Touristenabzocke handeln soll, suchte ich halt nach dem, um was es in New York anscheindend immer geht: Nach der großen Lösung. Aber zunächst einmal fand ich keine.

Mein nächster Geistesblitz bestand darin, es vielleicht im Macy’s zu probieren. Wenn es sich schon um das größte Kaufhaus der Welt handelte, dann sollte es dort wohl auch das geben, was ich suchte. Aber Elektroartikel suchte ich dort vergebens. Als ich das Haus durch einen der zahlreichen Ausgänge wieder verließ, hatte ich mir vorgenommen, mich auf meiner Suche immer weiter vom Times Square in Richtung Süden zu entfernen. Der Regen machte einem zwar schwer zu schaffen, wobei das absolut keine übertreibung ist, denn dieser bindfadenartige Regen traf einen wirklich in Mark und Bein, doch es mußte ja weitergehen.

Auf meiner Route entdeckte ich dann etwas, das tatsächlich nach Supermarkt aussah und was ich sogleich inspizieren wollte. Und wenn die Gänge etwas breiter gewesen wären, ich hätte mich fast auf den Hosenboden gesetzt, als ich die Preise las: $5 für ein Duschgel, $8 für Shampoo, $4 für Zahnpasta usw. Also nahm ich mir die billigste Zahnpasta, die es dort gab (§2), eine Coke und ein Mountain Dew. Gegessen hatte ich bis hierhin noch nichts, weil ich das Frühstück am morgen ausließ. Ich hätte aufgrund meines Adapter-Plans eh nicht ruhig sitzen können.

Als ich den Supermarkt verlassen hatte, ging ich weiter durch das regnerische Manhattan. Ich guckte zwar auch ab und zu nach oben, um die Wolkenkratzer anzuschauen, aber rechte Freude wollte ob des Wetters keine aufkommen. Die Häuser waren teilweise sogar in den Wolken verschwunden, weshalb sie wohl auch diese Namen tragen. War es dieser Himmel, von dem viele New Yorker und auch Besucher immer wieder berichten? Ich weiß es nicht. Nun kam ich mir vor wie ein angeschossener Indianer, während ich mich durch die Straßenschluchten schleppte. Als ich den Blick noch einmal nach oben nahm, entdeckte ich aus dem Augenwinkel einen Laden, der Sportartikel verkaufte. Hier mußte es doch vielleicht endlich mal eine Sporttasche zu kaufen geben! Oder treibt man in New York keinen Sport? Oder ist der Bedarf an Taschen für den Sport in ganz New York gedeckt? Na ja, der Regen ließ sowieso keine andere Wahl zu, als vor ihm zu flüchten, so daß ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden konnte. Ich spazierte also durch den Laden und entdeckte alles, nur keine Sporttaschen. Wird es am Ende gar darauf hinauslaufen, daß ich mir doch einen Koffer von Hilfiger für 240 Dollar kaufen muß? Nein, das kam nicht in Frage. Ich habe den ganzen Laden systematisch abgesucht und von Baseball-Utensilien bis Schuhen wirklich alles gefunden und als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, weil nur noch ein einziges Regal übrig war, das von mir in Augenschein genommen werden wollte, da traute ich meinen Augen nicht, denn dort standen … Sporttaschen!!! Die Auswahl war zwar nicht berauschend, aber immerhin gute Ware von adidas und Nike. Nachdem ich mir eine Tasche ausgesucht hatte, ging ich zurück zu den T-Shirts, denn hier waren die Shirts der vergangenen World Series runtergesetzt von $29 auf $5 oder $10. Also suchte ich mir drei verschiedene T-Shirts in XL aus, kaufte noch Baseballkappen der New York Yankees und marschierte zur Kasse, wo ich gleich bedient wurde. Meine Mitbringsel verstaute ich gleich in der gekauften Tasche und verließ das Geschäft wieder.

Nach einigen Metern stellte ich fest, daß ich dorthin ging, wo ich herkam und änderte meine Richtung wieder, denn ich wollte ja in Richtung Süden gehen. Die bereits erwähnten Touristenläden ließ ich alle links und rechts liegen. Und während ich so spazierte, erkannte ich doch keinen Unterschied zu anderen Urlaubsländern: Auch hier wurden Koffer, Elektroartikel und Souvenirs zu völlig überhöhten Preisen angeboten. Als ich so gedankenverloren und durchnäßt einen Fuß vor den anderen setzte, blinzelte mich ein Hinweisschild auf die „Manhattan Mall“ an. Mall? Sollten die nicht in Amerika viel größer, schöner und besser sein als in Deutschland? Und vor allen Dingen mit allen Geschäften, die jeder Mensch braucht – oder auch nicht? Und wenn es selbst in der „Köln-Kalk-Mall“ ein Elektrogeschäft gibt, dann doch wohl erst recht in Manhattan. Also nichts wie rein! Auch hier war mir mein Glück wieder hold, denn es gab eine Filiale von „Radio Shack“, die sogar die Adapter hatten, nach denen ich suchte. Der kostete mich zwar 10 Dollar, aber wie gesagt: Dummheit muß bestraft werden.

Wie ich feststellte, war ich augenscheinlich die ganze Zeit auf dem Broadway unterwegs, denn am Horizont tauchte zwischen anderen Häusern ein Gebäude auf, das ich kannte, weil es als Poster bei mir zu Hause hing: das Fuller-Building, welches weitläufig besser als Flatiron-Building bekannt ist. Das hellte meine Laune ein wenig auf. Ich entschloß mich, daß ich bis dahin auf jeden Fall noch laufen wollte. Dort angekommen, schoß ich noch ein paar Fotos, ging kurz in den gegenüberliegenden Madison Square Park und tauchte dann wieder ab in die Unterwelt von New York, denn auch hier gab es wieder eine Subway-Station, wie sie wohl in solcher Häufigkeit einmalig sind. Die erste Bahn, die kam, war meine. Ich hatte zwar nicht auf das Zugzielschild geguckt, aber mir vorgenommen, das Schicksal darüber entscheiden zu lassen, ob mein weiterer Weg zurück ins Hotel führt oder noch weiter nach Süden in Richtung Lower Manhattan. Mein Zug fuhr Richtung Times Square und ich richtete mich darauf ein, in ca. 30 Minuten im Hotel zu sein, was aufgrund der
Nässe mit Sicherheit auch die bessere Wahl zu sein schien. Als ich an der Haltestelle „40 St Lowery St“ in Queens ausstieg, inspizierte ich den Laden, der mir an der Rezeption am Morgen als Supermarkt empfohlen wurde. Ich denke, daß Tante-Emma-Laden es eher traf, aber irgendwie hatte der Laden doch seinen Charme. Nach dem Kauf einer 2-l-Flasche Coke, die ich im Hotel deponieren wollte, falls ich nachts Durst bekäme, verließ ich das Geschäft wieder und machte mich auf den Weg zum „La Quinta Inn“. Natürlich stoppte ich vorher noch beim Fast-Food-Riesen und nahm ein Menü mit auf’s Zimmer, wo ich zunächst einmal den Adapter ausprobierte, um herauszufinden, ob ich in Kürze vollständig von der Außenwelt abgeschnitten sein würde, doch er funktionierte tadellos. Die Klamotten wurden zum Trocknen über Stuhl- und Sessellehnen gehängt und die Kälte im Zimmer bekämpfte ich mit der Heizung, wozu die Klimaanlage nämlich ebenfalls fähig war, wie ich herausfand. Doch welche Temperatur sollte es sein? Ein Blick auf das Display
rief mir aus der Erinnerung zurück, daß die Temperatur in den USA ja in Fahrenheit und nicht in Celsius gemessen wird. Wie ich mittels Internet, das ich ja mittlerweile wieder benutzen konnte, herausfand, hatte ich die Klimaanlage auf 23,3 Grad Celsius, nämlich 74 Grad Fahrenheit, eingestellt. Es fühlte sich zwar heißer an, aber besser als die Kälte der vergangenen Nacht.

In der Nachbetrachtung des bisherigen Verlaufs stellte ich fest, daß ich bislang lediglich den Bereich zwischen 44. Straße (Dort steht das MetLife-Building) und 23. Straße (Flatiron Building) besucht hatte und dabei exakt diese Strecke über den Broadway marschiert bin – 20 Blocks also. Irgendwie schien das alles vor der Abreise so nah beisammen und vor Ort stellte man dann fest, daß die Orientierung gar nicht so einfach war, wie sie auf der Straßenkarte aussah. Mich beschäftigte nun die Frage, ob ich jemals beispielsweise zum Flatiron Buidling zurückkehren würde, wobei es mir zunächst nur um die derzeitige Reise ging und erst später um ein „überhaupt jemals“. Man hatte so lange auf diese Momente gewartet und in New York erschlagen einen diese Momente dann, weil es nicht nur so geballt ist, sondern eben auch alles „bigger“. Innerhalb so kurzer Zeit so viele Highlights – und das nach gerade einmal 24 Stunden im Big Apple! Ist es generell möglich, die ganzen Eindrücke zu verarbeiten? Ist es überhaupt möglich, sie zu genießen? Es fiel mir schwer, daran zu glauben! Eigentlich hatte es doch jede dieser Sehenswürdigkeit verdient, daß man sich ausgiebig um sie kümmert und sie direkt vor Ort genießt. Aber ließ das die Zeit zu? Sollte man sich vielleicht weniger vornehmen, wenn man die Stadt besucht und dafür eben mehr Zeit einplanen? Oder war es doch richtig, so viele Sehenswürdigkeiten wie möglich auf einmal sehen zu wollen? Diese Fragen konnte ich nicht beantworten, denn auf eine Art und Weise schienen beide Lösungen plausibel, aber wiederum auch nicht. Könnte ich persönlich es mir verzeihen, wenn ich nach Hause zurückkehrte und dort zugeben müßte, Grand Central Station nicht gesehen zu haben? Würden die Personen, die bereits in New York waren, es verstehen, wenn man Sehenswürdigkeiten ausließe? Wollte ich persönlich überhaupt irgendetwas auslassen? Macht es einen nicht stolz, wenn man nachher behaupten kann, daß man dort bereits war? Die Herangehensweise an eine solche Unternehmung ist mit Sicherheit verschieden, wie auch jeder Mensch unterschiedlich ist. Ich hatte mich dazu entschieden, so viele Highlights wie möglich mitzunehmen und wollte diesen Weg weiter beschreiten. Aber warum war ich dann innerhalb von 24 Stunden gleich zweimal bei Macy’s und am Times Square? Okay, für letzteres fand ich die einfache Erklärung, daß die Linie 7 dort endet. Und Macy’s schien ja auch erklärbar. Hieß das also im Umkehrschluß, daß ich heute das letzte Mal bei Macy’s und gestern das erste, einzige und letzte Mal in Grand Central Terminal war? Begannen so bereits die Erinnerungen? Mir war klar, daß ich mir jedenfalls alles verzeihen würde, nur nicht, wenn ich nicht an Ground Zero gewesen wäre. Allein der Gedanke daran produzierte bereits wieder die Bilder vom 11.09.2001 vor mein geistiges Auge. Wie würde ich wohl denken, wenn ich den Ort sähe? Würde man überhaupt noch etwas erkennen können? Hätte man die Bilder von damals vor Augen? Würde man überhaupt noch etwas damit in Verbindung bringen können? Lower Manhattan war von vornherein ein fester Bestandteil meiner Planungen, so daß ich davon auch keinen Abstand nehmen wollte. Und außerdem konnte mir niemand nehmen, daß ich bislang das gesehen hatte, was ich eben gesehen hatte. Ich würde nach Hause zurückkehren können mit dem guten Gewissen, behaupten zu können, daß ich Grand Central Terminal von innen gesehen hatte und im MetLife-Building war.

Der Blick aus dem Fenster des Hotelzimmers, während ich diese Zeilen schrieb, erklärte den Tag dann für beendet, weil es immer noch wie aus Eimern schüttete und ich mit den gerade halbwegs trockenen Klamotten nicht schon wieder in den Regen hinauswollte. So saß ich zwangsweise den Rest des Abends auf dem Hotelzimmer, welches ich wohl nur noch für’s Abendessen verlassen würde. Das gab mir immerhin Gelegenheit, ausgiebig zu duschen und nacheinander die elektronischen Geräte mit dem neu gekauften Adapter aufzuladen.

Der Wetterbericht schien von den Temperaturen für die kommenden Tage etwas besser zu werden, denn den -6 Grad gestern und 3 Grad heute sollten 4 Grad morgen folgen. Einzig die Aussicht auf Schneeregen erschien mir nicht gerade schön. Dafür sollte es donnerstags zwar -1 Grad, aber sonnig werden, ein idealer Tag also, um nach Downtown Manhattan zu fahren.

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