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Der Tag fing nach einer relativ kurzen Nacht damit an, daß ich am Netbook bei Singapore Airlines meinen Sitzplatz umbuchte, weil mir in den Sinn kam, daß es wohl besser sei, in einer der letzten Reihen zu sitzen, weil man dort ohne Rücksicht auf andere Leute seine Rückenlehne eben nicht senkrecht stellen mußte. Gedacht, getan und ab ging’s zum Frühstück, während dessen ich mir meine Aktivitäten für den Tag überlegte und zusammenstellte.

Doch zunächst machten sich doch meine Knochen bemerkbar. So mußten sich wohl auch die Helden der Tour de France morgens immer fühlen, wenn sie das gleiche Pensum wie am Vortag zu bewältigen hatten. Nur waren die austrainiert und bekamen noch eine Massage am Abend. Ich redete mir ein, daß sich das „rausläuft“ und wollte mich nicht so anstellen.

Hätte ich zu dem Zeitpunkt bereits geahnt, wie schnell mich mein Weg wieder zurück ins Hotel führen würde, ich hätte mich wohl gewundert. Doch dazu später mehr…

Ich hatte mir vorgenommen, von Grand Central Terminal aus auf der Park Avenue in Richtung Süden zu wandern, weil das Waldorf-Astoria an der Park Avenue liegt. Auf dem Bild in Wikipedia ist im Hintergrund in nicht allzu großer Entfernung das MetLife-Building zu erkennen, so daß ich die 34th Street als südliches Limit gesetzt hatte. Innerhalb dieser acht Blocks sollte das Hotel wohl liegen. Ich bewegte mich also über die Park Avenue und ging und ging, doch ein Waldorf-Astoria war nicht zu sehen. Als ich an der 33rd Street angekommen war, mußte ich kurz im Internet nachschauen und stellte erstaunt fest, daß ich die Park Avenue in die andere Richtung hätte gehen müssen. Mit den Hausnummern kann man ja nicht immer unbedingt etwas anfangen im Big Apple! Den Spaziergang über die Park Avenue brach ich daraufhin ab, um nach rechts und zwei Blocks später auf die 5th Avenue in Richtung Norden abzubiegen. Der erste Kilometer war bis hierhin schon geschafft, wobei es wohl eigentlich mehr war, denn ich wechselte an fast jeder Straßenkreuzung die Straßenseite, weil man dabei einen so herrlichen Blick auf der MetLife-Building hatte.

Um es vorwegzunehmen: Auf der Fifth Avenue folgten dann zwei weitere Kilometer. Aber von Beginn an: Am Empire State Building bog ich auf die glamouröse Einkaufsstraße ab und nach etwa 750 Metern kam ich an der New York Library vorbei. Zwischendurch konnte ich linksseitig einen Blick auf den Bank of America Tower werfen. Nach weiteren 750 Metern befand ich mich zwischen 50th und 51st Street. Dort steht rechter Hand die St. Patrick’s Cathedral zwischen den sie umgebenden Hochhäusern und wirkt dabei ein wenig verloren, aber dennoch majestätisch. Genau gegenüber der Kathedrale liegt das GE Bulding, das zum Rockefeller Center gehört. Und da ich mir früh am Morgen vorgenommen hatte, die Aussichtplattform „Top of the Rock“ zu besuchen, damit ich sowohl Bilder im Dunkeln (am ersten Tag auf dem Empire State Building) als auch im Hellen habe, ging ich Richtung Lower Plaza, wie der Platz heißt, auf dem derzeitig die Eislauffläche aufgebaut ist und vor Weihnachten der größte Weihnachtsbaum der Welt steht. Zunächst betrat ich jedoch die Lobby des GE Building, blickte mich dort um und entschwand dann wieder an die frische Luft, immer den Hinweisschildern folgend. Der Eingang zum „Top of the Rock“ befindet sich gleich neben dem Eingang zu den NBC-Studios, die ebenfalls in dem Komplex untergebracht sind. Hier wurde u. a. „Saturday Night Life“ aufgezeichnet. Als ich am Ticket Purchase angekommen war, nahm ich genüßlich zur Kenntnis, daß auch hier wieder keine Warteschlange vorhanden war, zumindest waren nur zwei Mann vor mir an der Reihe. An den Direktzugang stellten sich unterdessen auch noch zwei Mann an, die bevorzugt behandelt wurden. Da hat sich der Kauf ja richtig gelohnt! Na ja, nach Passieren der Sicherheitskontrollen, bei der man ausnahmsweise mal nicht den Gürtel ausziehen mußte, stand ich schon in einem Vorraum, in dem man sich auf einem Stahlträger fotografieren lassen kann, wenn man den möchte. Dieses Motiv ist dem weltbekannten Bild nachempfunden, bei dem mehrere Bauarbeiter ihre Pause eben auf einem Stahlträger machen. Das hat sich wohl beim Bau des Rockefeller Center zugetragen. Während man dort wartete, konnte man sich über die Geschichte des bzw. der Gebäude informieren und erfuhr so, daß Gregory Peck als Guide im Rockefeller Center gearbeitet hat. Danach ging es weiter zum Fahrstuhl, dessen Decke durchsichtig ist. Und auf der Fahrt nach oben war der Fahrstuhlschacht an den Rändern mit blauen Lampen beleuchtet, so daß man sah, wie man nach oben raste. Auf dem Weg nach unten spielte sich nachher das gleiche Schauspiel ab. Oben angekommen, befand man sich in einem eigentlich tristen Raum, der außer einem Souvenirverkaufsstand und einigen Sitzgelegenheiten nicht viel zu bieten hatte, den man aber zur Aussichtsplattform hin verlassen konnte, was ich sogleich tat. Ich stand auf der nördlichen Seite und hatte einen wirklichen herrlichen Blick auf den Central Park in seiner ganzen Pracht.

Dummerweise war die Aussichtsplattform mit Glasscheiben (hoffentlich aus Sicherheitsglas) begrenzt. Man hatte aber Gott sei Dank zwischen den einzelnen Scheiben genügend Platz gelassen, daß man zumindest das Objektiv der Kamera durchschauen lassen konnte und einigermaßen fotografieren konnte. Als ich in Richtung Norden alles fotografiert hatte, begab ich mich durch den tristen Raum auf die Südseite. Und dort erlebte ich das absolute Highlight des gesamten New-York-Trips: Die Aussicht auf Downtown Manhattan mit dem Empire State Building im Vordergrund.

Diese Aussicht war wirklich noch überragender als es die Aussicht vom Empire State Building war. Lag es daran, daß man hier das Empire State Building ebenfalls sehen konnte? Wahrscheinlich! Von diesem Anblick konnte ich gar nicht genug bekommen. Ich stand mehrere Minuten schweigend und regungslos vor der Glasscheibe und blickte nach Süden. An diesen Moment wollte ich mich immer zurückerinnern können. Einfach unbeschreiblich schön, sagenhaft, unglaublich!!!

Ich beobachtete die Menschen auf den Straßen, wie sie ihres Weges zogen und stellte mir vor, wie ich vielleicht vor kurzer Zeit ebenfalls von einem anderen Besucher beobachtet wurde. Ich sah den Taxis zu, wie sie sich die Straßen entlangschlängelten. Eigentlich wollte ich von hier nie wieder weg. Doch es gab ja noch zwei weitere Plattformen, die allerdings über Rolltreppen zu erreichen waren. Bzw. eine Etage höher war mit einer Rolltreppe zu erreichen und nach ganz oben ging es dann per Treppe. Der Ausblick war logischerweise der gleiche, aber erst, als ich ganz oben angekommen war, hatte ich das Gefühl, mehr nicht mehr erleben zu können, denn dort gab es keine Glasscheiben mehr. Ich lehnte mich auf die Ballustrade und fühlte mich dem Himmel so nah, wie man nur sein kann. Um mich herum liefen zwar noch andere Touristen umher (u. a. auch Deutsche, wie ich hörte), aber ich war
gedankenverloren und völlig zufrieden. Alleine für diesen Moment hatten sich die $22 gelohnt, die ich als Eintritt zahlen mußte. Die Kälte, die aufgrund des Windes dort oben herrschte, störte mich überhaupt nicht. Zudem herrschte dort oben eine Ruhe, wie sie so gar nicht zur Stadt paßt. Alles schien so friedlich. Beim Schreiben dieser Zeilen hielt ich ebenfalls inne, grinste und erfreute mich an den Bildern in meinem Kopf. Herrlich!

Interessante Begebenheit am Rande: Als ich die erste Aussichtsplattform auf dem Weg nach unten erreichte, wurde ich auf zwei lachende Personen aufmerksam, die wohl beim Fotografieren ihren Spaß hatten. Und als ich an den Personen vorbeiging, bemerkte ich, daß es sich um zwei Deutsche handelte, die mit mir von Frankfurt nach New York geflogen waren. Wir befanden uns in einer Stadt mit mehr als 8 Millionen Einwohnern mit einer enormen Ausdehnung in alle Himmelsrichtungen. Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, daß man drei Tage nach dem Hinflug jemandem in dieser Stadt wieder begegnet?

Nachdem meine Schuhsohlen wieder das Straßenpflaster berührten, marschierte ich vom Ausgang, der an der Avenue of the Americas liegt, wieder zurück zur Fifth Avenue, die bisher leicht bergauf ging, was zusätzlich Kräfte kostete. Aber mit dem Gefühl des gerade Erlebten bewältigte sich das nun Folgende ganz leicht, denn außerdem ging es nun Schlag auf Schlag. Links erblickte ich die beiden Geschäfte von Versace und Cartier einträchtig nebeneinander und einen Block weiter betrat ich den NBA Store, um mich dort umzuschauen. Die hatten T-Shirts für 4,99 Dollar, aber leider in so geringem Gewicht, daß man dadurch Zeitung lesen konnte. Deshalb verzichtete ich auf einen Kauf und zog weiter. Irgendwann in diesen Minuten stellte ich voller Entsetzen fest, daß der Ersatz-Akku für meine Digitalkamera aus meiner Jackentasche gefallen sein mußte, als ich die Kamera herauszog. Am Morgen hatte ich den Original-Akku als Ersatz in die Tasche gesteckt, weil der Akku, der sich jetzt in der Kamera befand, noch nicht ganz aufgeladen war. Das hieß also für mich, daß mir irgendwann der Saft ausgehen würde, so daß ich bei den weiteren Fotografien das Blitzlicht vorsorglich ausschaltete. Trotz intensivster Suche in allen Jacken- und Hosentaschen ließ sich der Akku leider nicht mehr finden. Das bedeutet allerdings, daß ich stets behaupten kann, daß immer noch ein Teil von mir in New York ist. Und es ist ein guter Grund, noch einmal hierhin zu fahren, um nach dem Akku zu suchen. Spaß beiseite: Auf der anderen Straßenseite war das Rolex-Building zu sehen, unterwegs entdeckte ich sogar einen Laden von Wempe. Auf der gleichen Straßenseite liegt das Ladenlokal von Tommy Hilfiger. Als ich an der 55th Street angekommen war, hielt ich Ausschau nach The Peninsula, einem Luxushotel. Den Eingang entdeckte ich in der Seitenstraße. Schräg gegenüber steht der Trump Tower und direkt daneben befindet sich Tiffany’s. Auf der Straßenseite, auf der ich mich bewegte, ging ich am Ladenlokal von Abercrombie & Fitch vorbei, bei dem Kunden durch Sicherheitspersonal eingelassen werden und ließ Prada ebenfalls links liegen, bevor dann auf der Seite von Louis Vuitton den Apple Store entdeckte. Das hieß, daß ich gleichzeitig am Central Park angekommen war und genau gegenüber das vormals beste Hotel der Welt, The Plaza, gelegen ist.

Ich begab mich in den Apple Store, nicht, weil ich irgendetwas hätte kaufen wollen, sondern weil es einfach dazugehörte. Durch diesen Glasquader gelangt man ins Untergeschoß, wo fast so viele Verkäufer wie Kunden umherschwirren. Im Geschäft war es sehr laut, fast schon lauter als auf der Straße. Mir persönlich hat es dort unten nicht gefallen, so daß ich auch relativ schnell wieder auf dem Gehweg stand, den Blick Richtung Nordwesten gerichtet, denn dort befand sich die Zugangsmöglichkeit zum Central Park und diese steuerte ich nun an. Ich wischte alle Bedenken beiseite, denn mancherorts war zu lesen, daß der Park sehr gefährlich sei und man aufpassen müsse, während andere Quellen nur davon sprachen, es sei abends nicht unbedingt sicher. Aber es war ja taghell. Ich beobachtete kurz, wer sonst in den Park ging und als ich eine Frau sah, die vollkommen alleine in den Park ging, da schien ich mir meiner Sache sicher.

Während ich von der südöstlichsten Ecke in den weltgrößten innerstädtischen Park eintrat, machte ich mir aber nicht nur über die Sicherheit meine Gedanken, sondern dachte auch daran, daß ich gelesen hatte, man könne sich sogar in diesem Park verlaufen, was ich in Deutschland noch als Unsinn abgetan hatte, weil man als Orientierung ja stets die am Rand stehenden Häuser, die man erkennen konnte, habe. Aber komischerweise mußte ich nach wenigen Metern im Park doch das erste Mal auf die Karte schauen, die bis zum Verlassen des Parks bei Strawberry Fields mein bester Kumpel wurde, obwohl sie das ja eigentlich vom ersten Tag an war. Die Wege im Park waren trotz des gefallenen Schnees allesamt freigeräumt, so daß man sie ungehindert benutzen konnte. Lediglich die Wiesen waren von der weißen Pracht bedeckt. Im Hintergrund war dumpfer Verkehrslärm zu vernehmen, aber der Park strahlte trotzdem eine Ruhe aus und ich konnte mir vorstellen, daß sich in diese Oase gerade in den Sommermonaten sehr, sehr viele New Yorker zurückziehen. Ich ging quer durch den Park, 13 Blocks von der 59th bis zur 72nd Street, was so in etwa 1 bis 1,5 km entsprechen dürfte. Ich verließ den Park bei Strawberry Fields, weil ich mir The Dakota anschauen wollte, wo seinerzeit John Lennon erschossen wurde. Natürlich tummelten sich am Parkausgang an der 72nd Street erneut zahlreiche fliegende Händler, vor denen man ansonsten seine Ruhe hatte. Im Park selber traf ich haufenweise Touristen (Ich glaube nicht, daß die New Yorker in den Central Park gehen, fotografieren und dabei französisch oder spanisch sprechen.) und Jogger.
Zudem befahren viele Kutschen die größeren Wege. Insgesamt bot der Park wirklich einen Augenblick der Stille in der sonst so hektischen Metropole, was mir ebenfalls sehr gefallen hat.

Ich hatte mit dem Moment, da ich das Foto von The Dakota und dessen Eingang, vor dem John Lennon erschossen wurde und wo er sich noch die Treppe hochschleppte, alles gesehen, was ich sehen wollte. Alles nun Kommende war wirklich „Freizeit“ und nicht geplant. Natürlich war ich mir bewußt, daß alles andere auch Freizeit war, aber es war trotzdem ein wirklich berauschendes Gefühl, fast alles geschafft zu haben, von dem vorher viele behauptet hatten, ich hätte mir viel zu viel vorgenommen und würde das doch nicht schaffen, während ich der festen überzeugung war, daß ich das ganz locker schaffen würde und sogar noch genügend Freiraum hätte. In diesem Punkt behielt ich also recht.

Ich ging die 72nd Street weiter in Richtung Broadway, also nach Westen, weil ich nur so zum Spaß schauen wollte, ob in dem Film „Stirb langsam – jetzt erst recht“ gelogen wurde oder wirklich der Originalschauplatz im Film zu sehen war, denn dort sollten die beiden Protagonisten ja zur Kreuzung Broadway / 72nd Street an die öffentlichen Münzfernsprecher kommen. Als ich die örtlichkeit erreicht hatte, stellte ich fest, daß es dort überhaupt nicht so aussah wie im Film. Gut, das war mittlerweile knapp 16 Jahre her, aber irgendwas mußte doch noch so aussehen. Der Eingang zur Subway war es jedenfalls nicht und Münzfernsprecher gab es auch keine. Und so schlenderte ich den Broadway in Richtung Süden entlang. Vielleicht hatte ich mich ja auch mit der Subway vertan. Als ich an der 66th Street ankam, entschloß ich mich dazu, ab hier die Subway zu benutzen, denn mir schmerzten die Füße. Vom Central Park aus war ich schon wieder über einen Kilometer gelaufen, was mein Tagespensum auf über fünf Kilometer schraubte.

Ich stieg also in die Linie 1, weil ich mich spontan dazu entschlossen hatte, den Ort aufzusuchen, der mich an New York am meisten faszinierte: Ground Zero. Außerdem hatte ich am Abend vorher nochmal gelesen, daß The Cross, ein Kreuz aus Stahlträgern des WTC, in der Liberty Street stand und ich die ja gestern komplett ausgelassen hatte. Es gab also noch etwas zu sehen für mich.

Als die unverständliche Stimme in der Subway Linie 1 eine Haltestelle ansagte und ich auf den Bahnsteig blickte, las ich „Pennsylvania St“ und ich hechtete von meinem Sitz hoch, so wie es augenscheinlich alle New Yorker in der Subway tun und sprang aus dem Wagen. Warum? Was war passiert? Des Rätsel’s Lösung war so simpel: Ich wollte mir ja noch den Madison Square Garden von der Rückseite aus ansehen. Also mußte ich erstmal einen Block in Richtung Westen und dann einen in Richtung Süden gehen, machte dort ein paar Fotos und ging wieder einen Block zurück nach Osten. In New York sind die U-Bahn-Ausgänge nämlich nicht immer da, wo sie auf der Karte angezeigt werden. Da befindet sich zwar tatsächlich die Haltestelle, aber die Ausgänge sind oftmals einen Block oder sogar noch weiter entfernt. Das hängt damit zusammen, wieviele Linien dort verkehren. Je mehr Linien fahren, umso größer ist die Distanz zur Haltestelle. So kam es mir zumindest vor und so war es meistens auch. Dafür ging man die Distanz unterirdisch. Wobei ich generell das Gefühl hatte, New York sei komplett unterkellert und das gleich mehrfach. Manchmal mußte man beim Umsteigen von einer Linie in die andere mehrere Treppen abwärts steigen, so daß man sich mindestens im zweiten Untergeschoß befand. Vielleicht handelt es sich bei dem aus den Gullydeckeln aufsteigenden Rauch ja auch um die Puste der Menschen, denen sie bei der Benutzung der Treppen zur Subway ausgeht. Wer weiß das schon so genau! Doch zurück zum MSG, wie The Garden offiziell abgekürzt wird: Ich suchte fieberhaft nach einem Eingang, weil ich mal schauen wollte, was man für einen Blick erhaschen konnte. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, daß man bis zum Ticketverkauf gehen konnte und damit schon fast im Inneren des Gardens war, aber ich wollte ja keine Tickets und so verließ ich die Arena wieder, um anschließend in der Pennsylvania Station dem gleichen Schauspiel beizuwohnen: Ich mußte zum Bahnsteig der Linie 1 und absolvierte meinen nächsten unterirdischen New-York-Marathon.

Eine Station vor der Endstation stieg ich an der Rector Street aus und watschelte die Greenwich Street in Richtung Ground Zero. Die Liberty Street besteht mittlerweile am südlichen Ende des Ground Zero nur noch aus Baustelle, so daß dort mit Sicherheit kein Kreuz mehr zu finden war. An der Ecke Greenwich Street / Liberty Street befand sich eine Einfahrt zur Baustelle. Als ich dort einen Blick auf das Gelände werfen wollte, wurde ich sehr freundlich von einer Bauarbeiterin weggeschickt, weil mir ja etwas auf den Kopf fallen könnte und ich keinen Helm trage. Ich verstand zwar nicht, warum mir das auf dem Bürgersteig, als fünf Meter weiter, nicht passieren konnte, aber dachte mir, daß es besser sei, als Tourist keine Widerworte zu geben und stellte mich unmittelbar vor die Feuerwache, die mittlerweile als Gedenkstätte umfunktioniert wurde. Als ein Lkw auf die Baustelle fuhr und dafür das Tor geöffnet werden mußte, konnte man wenigstens noch einen kurzen Blick erhaschen und ein paar Fotos machen. Man mußte sich zwar beeilen, weil man nicht wußte, wie lange der Lkw-Fahrer für sein Fahrmanöver benötigen würde, aber ich hab’s jedenfalls geschafft. Ob alle anderen auch so schnell waren, weiß ich nicht. Es war auf jeden Fall ein skurriles Szenario. Kaum war das Tor geöffnet, stürmte alles mit gezücktem Fotoapparat wieder zurück, obwohl sämtliche Leute vorher bereits resigniert in Richtung Church Street abgewandert waren. Es waren zwar keine Menschenmassen, aber schon so ca. 5 bis 10 Personen, die sich in Bewegung setzten.

Ich wollte noch das Tribute WTC Visitor Center besuchen und war erstaunt, daß man hier Eintritt zahlen mußte. Aber wenn man schon mal da ist! Um $10 ärmer wurde ich in die Räumlichkeiten gelassen, wo zunächst die Geschichte des World Trade Center anhand eines kleinen Films dargestellt wurde. Im Anschluß wurden Fundstücke aus den Trümmern präsentiert, was einen stets nachdenklich stimmte, weil diese Fundstücke meistens mit Bildern versehen waren. So sah man beispielsweise eine Tasche eines im WTC Arbeitenden, die nach dem Anschlag wiedergefunden und zugeordnet werden konnte. Man sah ein Flugzeugfenster, das in den Trümmern gefunden wurde und dementsprechend zu einer der beiden Maschinen gehören muß. Als ich dieses Exponat sah, mußte ich tatsächlich kurz schlucken, so unfaßbar schien mir das! Eine Jacke eines Feuerwehrmannes wurde ebenfalls ausgestellt. Diese Jacke wurde auch in den Trümmern gefunden und konnte nachher mitsamt Helm zugeordnet werden. Selbstredend sah die Jacke nicht mehr so aus, wie sie einmal ausgeliefert wurde. In mehreren Schaukästen wurden Dinge aus den beiden Türmen gezeigt (u. a. ein Hinweisschild, mehrere Schlüssel, drei Etagenschilder, Gabel und Löffel) und ein verbogener Stahlträger. Danach gab es einen Raum, der an drei Wänden mit Bildern der beim Anschlag Getöteten versehen war, vom Boden bis zur Decke. Da wurde einem die ganze Grausamkeit erneut vor Augen gerufen. Und wem das noch nicht schockierend genug war, der mußte sich nur die vierte Wand ansehen, auf der alle Namen vermerkt waren. Weil mein Akku der Digitalkamera sich bereits gemeldet hatte, daß er wohl gleich seine Arbeit einstellen würde, fotografierte ich ohne Blitzlicht im Museums-Modus und erzielte dabei doch recht gute Ergebnisse. Trotzdem war mir klar, daß ich nicht mehr viele Fotos würde machen können, hatte aber zur Not noch mein iPhone dabei, das immerhin auch über eine 5-Megapixel-Kamera verfügt. Doch auch dort war die Akku-Kapazität bedenklich gesunken und war schon unter 20%, doch das würde reichen.

Als ich nach Verlassen des Museums an One Liberty Plaza vorbei auf den Broadway gegangen war, entschloß ich mich dazu, parallel über die Church Street zu gehen, weshalb ich an der St. Paul’s Chapel wieder zum Ground Zero abbog. Dort kam es mir in den Sinn, als ich auf der anderen Seite den Laden sah, den ich gestern schon besucht hatte, daß ich dort noch einmal einkehren könnte, nur um zu gucken, was ich dann auch tat. Nun war es an der Zeit, die Fahrt zum Hotel anzutreten, denn ohne fotografierfähiges Equipment wollte ich nicht durch New York laufen, denn zu sehen und fotografieren gibt es hier an jeder Ecke etwas.

Ich ging von der Vesey Street auf die Church Street und wollte die Subway-Station Chambers Street nehmen. Ich schlenderte gemächlichen Schrittes, weil ich wohl wußte, daß es das letzte Mal sein würde, daß ich Ground Zero sehen würde. Ich drehte mich noch einmal um, blickte auf den Boden und wunderte mich erneut darüber, warum hier kein Dreck mehr lag. Ich hatte immer noch und schon wieder die Bilder aus den einschlägigen Videos im Kopf, als man nach dem Einsturz der Türme die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Und während ich darüber sinnierte, warum das damals so war, blickte ich kurz nach rechts, weil ich im Augenwinkel etwas Dunkles gesehen hatte. Und was war das Dunkle? The Cross!

Ich zückte den Fotoapparat, wechselte die Straßenseite und fotografierte mit dem allerletzten Saft aus dem Akku das Kreuz. Die weiteren Fotos mußte ich dann in der Tat mit dem iPhone machen, weil die Digitalkamera sich nicht mal mehr einschalten ließ. Dann atmete ich einmal tief durch und füllte die Lungenflügel ein letztes Mal mit New Yorker Luft aus Downtown Manhattan, bevor ich unter der Erde verschwand.

Auf der Fahrt zum Times Square, wo ich umsteigen mußte, wurden wir zwischen zwei Stationen von mehreren Schwarzen unterhalten, die singenderweise durch den Waggon gingen und dabei Geld sammelten. Ich gab gerne einen Dollar, der Sänger bedankte sich und hielt seine Faust zum Abklatschen hin. Und schon waren die Jungs im nächsten Wagen verschwunden. Also auch das gab es wirklich! Ein weiteres Klischee, was sich während meines Aufenthaltes bestätigte. überhaupt: In these five days I was never afraid on the train. Was kursierten nicht vorher alles für Horrorgeschichten von den Fahrten mit der Subway! Ich habe nicht einmal erlebt, daß jemand angepöbelt wurde. Ich habe nicht einmal erlebt, daß jemand sich nicht entschuldigte, wenn er versehentlich jemand anrempelte. Ich habe nicht einmal erlebt, daß sich jemand in der Subway in irgendeiner Art und Weise schlecht benommen hätte oder gar seine Füße auf die Sitze gelegt hätte.

Dafür gab es allerdings andere Dinge, die sich durchaus bestätigten. So bleibt kein New Yorker Fußgänger an einer roten Ampel stehen. Und obwohl doch eine relativ hohe Strafe darauf steht, interessiert das die Polizisten, die hier sehr häufig anzutreffen sind, nicht. Man sollte allerdings stets schauen, ob Autos kommen, denn dann bleibt selbst der New Yorker stehen. Man gewöhnt sich schnell daran. Autos ist ein gutes Stichwort, denn hier scheint jedes zweite Auto ein Taxi zu sein. Und obwohl hier ständig gehupt wird und man sehr oft eine Sirene hört und auch einen Ambulance an einem vorbeifahren sieht, habe ich in New York keinen einzigen Unfall gesehen. Das mag auch daran liegen, daß hier eigentlich fast jede Straße eine Einbahnstraße ist. Und worüber in Köln-Nippes ein halber Stadtteil meckert, ist hier Normalität. Mir persönlich fiel auf, daß spätestens jeder Dritte hier ein Kleidungsstück von North Face trug. Entweder hat die Firma ihre Klamotten in der Stadt verteilt oder die Marke ist im Big Apple in. Und der Nationalstolz der Amerikaner begegnet einem förmlich an jeder Ecke. überall weht die amerikanische Flagge, selbst hinter einem Einsatzfahrzeug des FDNY sah ich sie. Und an jedem Waggon der Subway ist eine aufgeklebt.

Im Hotel fiel mir übrigens dann auf, daß ich vom Rockefeller Center eigentlich an der St. Patrick’s Cathedral vorbei nach Osten gehen wollte, um auf der Park Avenue einen Blick auf das Waldorf-Astoria zu werfen. Vergessen! Und ebenso verhielt es sich mit der Carnegie Hall, die auf meiner Karte extra eingezeichnet wurde, weil ich dorthin auch einen Abstecher unternehmen wollte. Auch vergessen!

Was ich jedoch nie vergessen werde, ist die kurze, aber intensive Zeit hier in New York. Am ersten Tag kam ich mir verloren vor, am zweiten Tag wurde es zwar besser, aber irgendwie stand ich der Stadt immer noch skeptisch gegenüber. Stets war ich darauf bedacht, nicht als Tourist aufzufallen. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht redete ich mir ein, daß Touristen eher ausgeraubt werden als Einheimische. Aber konnte man hier überhaupt zwischen Tourist und Einheimischem unterscheiden? Manchmal hatte ich das Gefühl, in Peking oder
Tokio zu sein, weil man nur Asiaten sah. Dann wiederum wähnte ich mich in Südamerika, weil die Leute alle mexikanisch aussahen. Dann sah ich Weiße, die aber kein Englisch sprachen. Gut, daß taten die Asiaten und „Mexikaner“ auch nicht, aber die waren ja keine Touristen. Eine ganz komische Stadt. Mein Eindruck der ersten beiden Tage war nicht negativ, aber auch nicht unbedingt positiv. Ich dachte schon, daß ich zu Hause erzählen müßte, wie bombastisch es mir hier gefiel, nur um nicht gegen den Strom zu schwimmen oder weil es eben jeder sagt, der New York besucht hat. Doch irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Tag gab es den Schulterschluß zwischen mir und der Stadt. Lag es daran, daß ich das bislang Erlebte verarbeitet hatte? Ging das überhaupt so schnell? Jedenfalls sprang der Funke über. Und am dritten Tag schwamm ich mit im Strom der hektischen Menschen,
konnte die Momente mehr genießen, fand mich besser im Straßenwirrwarr zurecht. Kurzum: Ich fühlte mich richtig wohl in diesem Schmelztiegel, in dem niemand Zeit für irgendwas zu haben scheint. Niemand scheint Notiz von den Sehenswürdigkeiten zu nehmen, außer den Touristen. Jeder geht wie selbstverständlich am Empire State Building oder an Ground Zero vorbei. Aber machen wir das zu Hause in unserer Stadt nicht auch? Würde ein New Yorker nicht genauso über uns denken, wenn er vor dem Kölner Dom stünde, den wir achtlos am Wegesrand liegenließen, während er Foto um Foto schießt?

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