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Da ich gestern abend relativ früh im Bett war und dementsprechend auch früh aufgestanden bin, konnte ich ein Mammutprogramm durchziehen. Man kann von Glück sagen, daß man nicht mit den Füßen tippen muß, denn dann hätten diese Zeilen nicht entstehen können.

Nach einem continental breakfast hier im Hotel mit Bagel, zwei Donuts und zwei Apfelsaft konnte die Mission beginnen. Ich hatte mir während des Frühstücks die Karte auf den Tisch gelegt und eine Route ausgearbeitet, denn ich wollte von Grand Central am Chrysler Building vorbei bis zum Hauptgebäude der Vereinten Nationen am Ufer des East River. Damit sollte der Tag eigentlich beginnen, bevor ich dann in Gramercy, also Midtown, am Gebäude der NYPD vorbei zu deren Store gehen wollte, nicht ohne vorher das auf gleicher Höhe liegende Flatiron Building nochmals anzuschauen. Im Anschluß sollte dann die Fahrt nach Lower Manhattan folgen.

Als ich allerdings in der Linie 7 saß, überlegte ich mir, daß es vielleicht besser sei, den Plan zu ändern, weil es eventuell morgens noch nicht ganz so voll sein dürfte und eine Fahrt zu Liberty Island vielleicht ohne größere Wartezeiten vonstatten gehen könnte. Also fuhr ich bis zum Times Square, stieg dort in die rote 1, die bis an die Südspitze Manhattans fährt. Mein Subway-Plan auf dem iPhone leistete dabei wieder unverzichtbare Hilfe.

Als ich dann in der Linie 1 saß, ging es darum, wo ich denn nun aussteigen sollte: Chambers Street nördlich des Ground Zero, Rector Street südlich des Ground Zero oder gar South Ferry ganz am Ende von Lower Manhatten? Ich entschied mich für die goldene Mitte, um mich dann von dort aus zu orientieren. Das hieße, daß mich meine Fahrt unmittelbar unter Ground Zero durchführen würde. Als es soweit war, beschlich mich schon ein komisches Gefühl bei dem Gedanken daran, aber anscheinend war ich der einzige, der solche Gedanken hatte, denn alle anderen Fahrgäste waren – wie jeden Morgen – in ihre elektronischen Geräte, Zeitungen, Bücher oder Handys vertieft oder schauten einfach nur stur geradeaus. Als ich ausgestiegen war, mußte ich mich wirklich wieder kurz orientieren, um zu wissen, in welche Richtung ich laufen mußte. Da war es ganz nützlich, daß ich unmittelbar vor der Trinity Church stand, die am Ende der Wall Street steht. Also habe ich die Kirche hinter mir gelassen und bin in die Wall Street gegangen. Ich war erstaunt ob so vieler Polizeikräfte und Absperrungen. Das nenn ich mal Sicherheit! Hier wird wohl so schnell kein Auto durchbrechen können. Unglaublich! Als ich an den Absperrungen vorbei war, lag rechter Hand die Börse und linker Hand die Federall Hall, in der George Washington als erster amerikanischer Präsident den Amtseid leistete. In dieser Fußgängerzone kommt man sich wirklich sehr erhaben vor, das muß ich schon sagen. Man hat irgendwie das Gefühl, daß es hier wirklich um das ganz große Geld geht, was mit Sicherheit auch stimmt. Ein wirklich absolut ergreifender Augenblick, wenn man – die Trinity Church im Rücken – die Wall Street entlangschlendert! Und genau das tat ich und fühlte mich wohl ein bißchen wie Gordon Gecko in den 1980ern. Aus dem Augenwinkel entdeckte ich sogar das Gebäude der Deutschen Bank. Und so ging ich die Wall Street immer weiter, weil ich dachte, ich könnte am Ufer des East River vielleicht ein schönes Motiv der Brooklyn Bridge finden, aber mußte dann zu meiner Enttäuschung feststellen, daß am Ufer eine Schnellstraße liegt und man nicht bis ans Ufer kommt. Also gab es kein Foto von der Brooklyn Bridge. Da ich nun Richtung Ground Zero wollte, weil ich mir dachte, daß ich dort mit Sicherheit mehr Zeit verbringen würde als an anderen Orten in Lower Manhattan, wich die Enttäuschung schnell wieder, weil der kürzeste Weg dorthin durch die Wall Street führte. Und der Blick auf dem Rückweg war noch schöner, weil man zwischen den Häuserschluchten einen wirklich faszinierenden Blick auf die Trinity Church hat. New York at it’s best!

Nach dem ersten Kilometer des Tages stand ich also wieder vor der New York Stock Exchange und entdeckte nun auch die rauchenden Gullys, von denen ich vorher schon gelesen hatte. Und als ich so nach oben blickte, entdeckte ich noch mehr Rauch. über der Börse qualmte es ebenfalls und über der Federall Hall auch. Das hatte schon etwas Gespenstisches, aber für New York ist das wohl völlig normal. übrigens wirkt die Federall Hall zwischen den ganzen sie umgebenden Hochhausbauten ein wenig verloren, strahlt aber einen unheimlichen Glanz aus.

Und weil die Kirche weltberühmt ist, entschied ich mich spontan dazu, sie mir von innen anzuschauen. Nachdem ich das erledigt hatte, entdeckte ich am Ausgang eine Metallplatte, die mir mitteilte, daß genau hier 1976 bereits Queen Elizabeth II. stand, als sie die Kirche besuchte. Da mußte ich natürlich das tun, was wohl jeder tut, der den Text gelesen hat und mich genau auf diese Metallplatte stellen. Von der Kirche aus ging es über den Broadway weiter nach Norden, bevor ich an der nächsten Kreuzung links in die Thames Street abbog, weil ich Ground Zero einmal komplett umrunden wollte. An der Liberty Street, d. h. an der südöstlichen Ecke von Ground Zero mußte ich dann jedoch erstmal feststellen, daß man aufgrund der Bauzäune überhaupt nichts von Ground Zero erkennen konnte. Trotzdem war es atemberaubend, die Baustelle zu sehen. Der Blick fällt zunächst auf Four World Trade Center, weil man aufgrund der geografischen Lage unmittelbar davor steht, bevor man dann unweigerlich auf One World Trade Center guckt. Das Gebäude war schon halb fertig. Und eins stand zu diesem Zeitpunkt für mich definitiv fest: Hierhin muß ich irgendwann in ferner (oder naher) Zukunft zurückkehren, wenn alles fertig ist.

Und dabei begannen auch schon meine Gedanken, daß es sehr, sehr ärgerlich ist, die Twin Towers niemals gesehen zu haben. Das ist so in etwa, wie die Tatsache, niemals in Berlin gewesen zu sein, als die Mauer noch stand. Es ist vorbei! Historische Chance vertan!

Da stand ich nun vor dem Gelände, das vor knapp zehn Jahren die Welt in Atem hielt und auf das zu der Zeit die ganze Welt blickte. Logischerweise liefen einige der Ereignisse von damals wie ein Film vor meinem geistigen Auge ab. Waren vielleicht genau an der Stelle, an der ich nun stand oder im weiteren Verlauf meines Weges innehalten werde, Leichen auf dem Asphalt aufgeschlagen, als die Leute sich in ihrer schieren Verzweiflung aus den Türmen mittels Sprung zu retten versuchten bzw. dem sicheren Erstickungs- oder Verbrennungstod entgehen wollten? Wo war die Frau aus dem Amateurfilm, der zufälligerweise die Ereignisse vom 11.09. dokumentierte, entlanggelaufen? In welches Ladenlokal war sie geflüchtet? Und ich habe die ganze Zeit die Schilderungen von Richard Picciotto im Kopf, dessen Buch „Unter Einsatz meines Lebens“ ich verschlungen habe. Richard Picciotto ist ein Feuerwehrmann, der am 11.09.2001 im WTC eingesetzt war und den Einsturz überlebte. Ein Straßenname aus dem Buch hat sich mir in meine Erinnerung gebrannt: Vesey Street.

Ich ging die Church Street weiter in Richtung Norden und gelangte an das nordöstliche Ende des Ground Zero. Dort entdeckte ich ein Straßenschild: Vesey Street. Und als mich so nach rechts wand, stockte mir der Atem, denn ich stand am Zaun von St. Paul’s Chapel, wo vor knapp zehn Jahren abertausende Hilferufe von Angehörigen angebracht waren. War es vorhin noch ein gespenstisches Szenario mit dem aufsteigenden Qualm und Rauch, so ließ es mir hier förmlich das Blut in den Adern gefrieren. Aber derzeitig hatte ich keine Zeit, mich der Kapelle zu widmen, denn zunächst sollte Ground Zero Thema sein. Aber gehörte die Kapelle nicht mit zu diesem Themenkomplex? Ich entschloß mich, St. Paul’s Chapel kurzerhand von innen anzuschauen, mußte dann jedoch feststellen, daß sämtliche Eingänge geschlossen waren, denn schon alleine die Tore im Zaun waren verschlossen. Als ich die Kirche einmal umrundet hatte, stand ich wieder auf der Church Street und ging zu der mir bekannten Vesey Street, wo ich links abbog, um dann entlang der nördlichen Grenze des Ground Zero in Richtung Hudson River zu gehen. Ich entdeckte nirgendwo einen Zugang, was mir aufgrund der imposanten Baustelle auch logisch erschien. Aber vielleicht gab es ja irgendwo eine Aussichtsplattform. Aber da ich nirgendwo eine entdecken konnte und ich schon am Fuße von One World Trade Center stand, ging ich nunmehr davon aus, daß ich keinen Blick auf das gerade entstehende Mahnmal werfen können würde und verabschiedete mich von dem Gedanken, ein schönes Foto zu schießen. Als ich die Baustelleneinfahrt links liegen ließ, konnte ich wenigstens unmittelbar vor 7 WTC stehen und das dort angebrachte Schild fotografieren, ehe meine Umrundung abgebrochen werden mußte, weil die Kreuzung West St / Vesey St für Fußgänger nicht passierbar war. Statt dessen war eine Brücke über die West Street installiert, die ich benutzte, um in den Financial District zu wandern. Bis hierhin hatte ich zwei Kilometer absolviert. Und auf einmal tat sich am Ende der Brücke zwischen den Trägern eine kleine Lücke auf, auf die ich allerdings erst aufmerksam wurde, weil dort zwei Männer standen, von denen einer filmte. Ich zückte also meine Digitalkamera und konnte zumindest einen halbwegs freien Blick auf Ground Zero aufnehmen.

Als ich im Financial District ankam, stellte ich fest, daß der Weg entlang des Ground Zero zu Ende war, denn man konnte lediglich in eines der Häuser gehen, aber nicht weiter geradeaus. So machte ich also auf dem Absatz kehrt und anstatt nun wieder über die Brücke zurückzugehen, bog ich nach links in Richtung Hudson River ab, wo sich vor fast genau zwei Jahren eine weitere Tragödie abspielte, als ein Flugzeug auf dem Fluß notlandete. Aber die Stelle lag deutlich weiter nördlich. Ich ging in ein Gebäude des World Financial Center und schien völlig deplaziert, so ganz ohne Anzug. Trotzdem hielt man mir freundlich die Tür auf und niemand sprach mich an. Ich verließ das Gebäude umgehend an der Rückseite und ging weiter in Richtung Süden. Dort stieß ich auf ein Mahnmal, was ich aufgrund eines aufgehängten Kranzes und einer Mauer mit eingravierten Namen erkennen konnte. Ich mußte noch näher herantreten, um festzustellen, daß es sich um das New York Police Memorial handelte. Dabei war ich entlang der Bootsanlegestelle von Battery Park City gegangen, die mir von Satellitenaufnahmen bzw. Google Maps bekannt war. Ich kam am Flußufer an und bog dort nach links ab, weil ich als Fernziel ja nun den Battery Park hatte. Verlaufen war unmöglich, weil ich einfach dem Ufer folgen mußte. Dabei begleitete mich ein paar Meter ein Eichhörnchen, das etwas Eßbares transportierte. Ich hatte meinen Spaß, dem Tierchen zuzuschauen und einige Fotos von ihm zu machen, ohne jedoch länger anzuhalten. Als ich am nächsten kleineren Hafenbecken ankam, kam mir in den Sinn, daß das Ritz Carlton hier in der Nähe sein mußte. Ich hatte mir zumindest vor der Abreise vorgenommen, mir dieses Hotel ebenfalls anzuschauen. Das beendete meinen Spaziergang am Ufer des Hudson River und ich ging in Richtung West Street. Das war die Straße, die die westliche Begrenzung des Ground Zero darstellt, die ich vorhin über die Brücke überquert hatte. Jetzt war ich nur knapp einen Kilometer weiter südlich. Parallel zur West Street verläuft die Straße Bowling Green und genau dort lag tatsächlich das Ritz Carlton, ein auf mich häßlich wirkendes Hochhaus als letztes Gebäude vor dem Battery Park, den ich am westlichsten Punkt betrat. Ich war eigentlich nur auf der Suche nach The Sphere, jener Skulptur, die erstaunlicherweise den Einsturz der beiden Türme des World Trade Center fast unbeschadet überstand. So groß konnte der Park ja nicht sein, daß man die Skulptur nicht auf Anhieb sehen würde. Doch da hatte ich die Rechnung wohl ohne den Planer dieser Grünanlage gemacht. Ich hatte ganz nebenbei bemerkt mittlerweile schon 3,5 km hinter mir.

Ich ging wieder am Flußufer entlang und wollte nun den südlichsten Punkt Manhattans anpeilen. Dabei kam ich an der Anlegestelle der Fähre nach Liberty und Ellis Island vorbei, fotografierte vorher noch zwei und nachher noch ein Mahnmal, aber von The Sphere war nichts zu sehen. Ich war mittlerweile am südlichsten Punkt der Insel angekommen, blickte zur Freiheitsstatue, die leider im bewölkten Himmel etwas unterging. Und als der Park zu Ende war, mußte ich mich wieder ins Landesinnere orientieren, kam an einem Spielplatz vorbei und sah dann in weiter Ferne die Skulptur, von der ich natürlich auch mehrere Fotos machte.

Was sollte ich nun als nächstes in Angriff nehmen? Weiter in Richtung Lower Manhattan oder rüber zur Statue of Liberty? Ich entschied mich spontan für Letzteres und ging zu Castle Clinton, der ehemaligen Festung, wo sich der Ticketschalter für die Fahrt zur Freiheitsstatue befindet. Nachdem ich $13 entrichtet hatte, weil ich auf den Audio-Guide verzichtete, konnte ich zum Zelt an der Anlegestation gehen, um mich der strengen Sicherheitskontrolle zu unterziehen. Hier mußte man sogar die Schuhe ausziehen! Na ja, was macht man nicht alles für die Sicherheit!? Dummerweise war die Fähre gerade weg, so daß erstmal Warten angesagt war. Nach knapp 25 Minuten wurden die Gitter geöffnet und man konnte sich an Bord begeben. Nun dauerte es erneut einige Zeit, bis die Fähre endlich losfuhr. Für die lange Wartezeit auf die 3,6 km lange überfahrt entschädigte allerdings der Blick, den man vom obersten Deck des Schiffes auf die Skyline von Manhattan hat. Atemberaubend!

Auf Liberty Island angekommen, umrundete ich einmal die Freiheitsstatue und machte permanent Fotos, um diese Momente für die Ewigkeit festzuhalten. Als mich eine Touristengruppe ansprach, ob ich ein Foto von ihnen vor der Statue machen könne und ich bejahte, revanchierten sie sich umgehend. Irgendwie völlig abstrakt, wenn man in Gedanken die Sehenswürdigkeiten abhakt, aber die Kürze der Zeit läßt nichts anderes zu. Außerdem kann man eh nicht mehr als Gucken! Auf der gegenüberliegenden Seite der Anlegestelle entdeckte ich, daß von dort aus wohl das Foto aufgenommen worden sein mußte, daß ich lange als Windows-Hintergrundbild hatte. Dort sind noch beide Türme zu sehen. Ich fotografierte mein Hintergrundbild nun selbst und ging weiter in Richtung Anlegestelle. Kurz vorher bummelte ich noch durch die Verkaufsstelle auf der Insel, wo ich aber nichts entdecken konnte, was sich zu kaufen gelohnt hätte. An der Anlegestelle wartete ich auf die Fähre und als diese endlich ankam und die neuen Gäste an Land ließ, durfte ich mit den anderen Wartenden an Deck. Während der Wartezeit, als sich die Sonne auf dem Wasser spiegelte, hatte ich mich dazu entschieden, auf Ellis Island nicht auszusteigen, weil das ebenfalls ca. 45 Minuten kosten würde, ehe die nächste Fähre kommen würde.

Als die meisten Passagiere auf Ellis Island ausgestiegen waren, saß ich auf dem oberen Deck und blickte auf die am Heck im Wind wehende Flagge der USA mit der Freiheitsstatue dahinter. In meinem Kopf hörte ich „The Star-Spangled Banner“, das aber logischerweise nirgendwo gespielt wurde, und hätte ich keine Ohren gehabt, dann hätte ich um den ganzen Kopf grinsen können. Es war einfach nur herrlich! Das ist Amerika!

Als wir am Battery Park wieder angelegt hatten, marschierte ich über den Broadway auf der Suche nach Charging Bull. Laut Karte mußte das Ding in unmittelbarer Nähe sein und nach kurzer Suche stand ich direkt davor. Leider standen so viele Leute da, die sich gegenseitig fotografierten, daß man keine freie Sicht erhielt. Ich machte dennoch meine Fotos und ging weiter in Richtung Norden.

Dieses Mal ließ ich Wall Street rechts und Trinity Church links liegen. Dabei stellte ich mir die Frage, ob ich es wohl schaffen würde, den Broadway bis zum Times Square zu laufen und wie lange das dauern würde. Während meine Gedanken so umherirrten, war ich mittlerweile an St. Paul’s Chapel angekommen, wo die Tore geöffnet waren. Die Gelegenheit nutzte ich aus und betrat die Kapelle. Hier wird immer noch alles dokumentiert, was sich am 11.09.2001 abspielte. Und als ich mir die Ausstellungsstücke so ansah, mußte ich schon das ein oder andere Mal schlucken. Das zu beschreiben, was dort dargestellt wird, ist unmöglich. Man muß es gesehen haben! Gemächlichen Schrittes verließ ich nach etlichen Fotos die Chapel wieder mit leicht bedrückter Stimmung. Hier war das erste Mal Geschichte förmlich greifbar. Der direkt nebenan befindliche Friedhof war vor meinem geistigen Auge immer noch mit den Trümmern der Zwillingstürme bedeckt. An der nächsten Kreuzung (wieder die bekannte Vesey St) ging ich nach links in Richtung Ground Zero, weil ich in das am Morgen ebenfalls noch geschlossene Ladenlokal „9/11 Memorial Preview“ gehen wollte. Dort sind ebenfalls Orignalstücke vom Anschlag ausgestellt und die Pläne für das Mahnmal werden dargestellt. Zudem gab es hier die Möglichkeit, zahlreiche offizielle Dinge des NYPD und des FDNY zu erwerben. Das kostete mich die nächsten $125. Aber man will ja auch Andenken haben, wenn man wieder zu Hause ist und ein offizielles T-Shirt des NYPD wollte ich schon ewig haben.

Nun war es an der Zeit, eine Entscheidung bezüglich des weiteren Verlaufs zu treffen. Ich zückte meinen wichtigsten Helfer, mein iPhone und blickte auf den Subway-Plan auf der Suche nach einer günstig gelegenen Haltestelle. Nicht, daß das jetzt falsch verstanden wird! Günstig liegen eigentlich alle Haltestellen, aber ich mußte ja eine Haltestelle finden, die zu meinem weiteren Plan paßte. Mir taten zwar jetzt schon die Füße weh, aber wenn schon, dann wollte ich auch volles Programm durchziehen. Das hieß für mich, die am Morgen zuerst geplante Route noch als Abschluß dranzuhängen. Bis hierhin waren es knapp 5 km, die ich bereits per pedes absolviert hatte.

Ich ließ Ground Zero hinter mir und marschierte Richtung Brooklyn Bridge, vorbei an der City Hall, weil ich dort eine Haltestelle gefunden hatte, die von der Linie angefahren wurde, die mich zum Grand Central bringen würde. Denn ich hatte keine Lust, von WTC Site (also Ground Zero) aus Richtung Times Square zu fahren, dort umzusteigen und nach zwei Stationen wieder auszusteigen. Das würde ich nicht machen wollen. Also rein in die Subway, nachdem ich vorher noch zwei Fotos der Brooklyn Bridge geschossen hatte. Und schon hatte ich Lower Manhattan verlassen.

Ich hatte mir die Haltestelle „23 St“ der Linie 6 ausgeguckt, wo ich aussteigen wollte. Als ich in der Bahn saß und auf den Subway-Plan im iPhone guckte, war ich wohl etwas irritiert dadurch, daß eine Haltestelle vorher, nämlich an der „14 St – Union Sq“ zwei unterschiedliche Linien abfahren, was die Haltestelle auf dem Plan größer erscheinen läßt, so daß ich kurzerhand dort ausstieg. Als ich meinen Fehler bemerkte, war es natürlich schon zu spät. Was jetzt? Wieder runter in die Subway auf die nächste Bahn warten, was ja relativ schnell ging? Oder die restlichen neun Blocks zu Fuß bewältigen? Als ich sah, daß am Union Square die Park Avenue beginnt, war mir meine Entscheidung abgenommen. Wenn man die Wahl hat zwischen Subway oder Fußmarsch über eine der teuersten Straßen der Welt, dann liegt die Antwort wohl klar auf der Hand, oder? Und die Park Avenue ist wirklich ein Prachtboulevard – zumindest, was die Breite der Straße, den Verkehr und die Höhe der Häuser angeht. Ansonsten konnte ich auf diesem Teilstück nichts sonderlich Hervorragendes ausmachen. Einzig der Ausblick auf das am Ende liegende MetLife-Building war sehenswert.

Ich kam also munter an der 23rd Street an und hatte damit sogleich den nächsten Fehler begangen, denn hier lag zwar die Haltestelle, an der ich auszusteigen gedachte, aber ich wollte zur 21st Street. So bog ich frohen Mutes auf der 23rd nach rechts ab, um dann auf die Lexington Av nach Süden zu gehen, die mich nach zwei Blocks schnurstracks zum Gramercy Park führte. Dort wiederum mußte ich wieder links abbiegen und als ich dann kurz vor der 2nd Av war, bemerkte ich den nächsten Fehler meiner Planung, denn ich hätte eigentlich noch einen Block weiter zur 20th gemußt. Das war aber nicht weiter schlimm, denn so kam ich zwischen 3rd Av und 2nd Av zunächst an „Junior’s Police Equipment“ vorbei, wo man anscheinend unter Vorlage des IPA- oder Dienstausweises originale Kleidungsstücke der New Yorker Polizei erwerben kann. Und direkt gegenüber lag das Gebäude, dem eigentlich mein Augenmerk galt, das NYPD. Und da ich von der falschen Seite aus angereist war, umrundete ich halt den ganzen Block einmal, d. h. ich bog dreimal rechts ab, um dann wieder über die Park Av in Richtung 23nd Street zu gehen. Bis zu diesem Zeitpunkt mußte ich wohl knapp 7 km absolviert haben.

Ich aber mußte noch einen Block weiter bis zur Fifth Avenue, weil ich mir das Flatiron Building noch einmal bei besserem Wetter anschauen wollte. Nachdem ich das erledigt hatte, ging ich den ganzen Block über die 23rd Street wieder zurück zur Park Av, weil ich dort erneut in die Subway stieg, die mich zum Grand Central Terminal bringen sollte. Meine geschätzte Strecke bislang: 7,5 km.

Von Grand Central aus wollte ich die 42nd Street Richtung East River bis zum Hauptquartier der Vereinten Nationen gehen. Zufälligerweise sollte ich auf diesem Weg auch am Chrysler Building vorbeikommen und konnte somit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Dummerweise schleppte ich seit dem Besuch des 9/11 Memorial-Ladens die Einkäufe auch noch mit mir rum, was alles nicht unbedingt einfacher machte. Im Grand Central Terminal folgte ich der Beschilderung zur 42nd Street bzw. Chrysler Building, was mir sinnvoll erschien. Ich kletterte förmlich die erste Treppe aus Grand Central nach oben und wunderte mich über das edle Interieur einer U-Bahn-Station. Es reihten sich vornehme Läden aneinander und der Boden schien nicht mit den üblichen Gehsteigfliesen gepflastert. Okay, Grand Central Terminal ist im Inneren auch sehr vornehm und hat trotz der Größe trotzdem etwas, das die Halle still erscheinen läßt, wenngleich dort Hunderte von Menschen durcheinanderlaufen. Auf mich wirkte Grand Central Terminal ein wenig wie ein Schloß. Mittlerweile war die zweite Treppe ebenfalls geschafft und ich betrat den Bürgersteig. Dort bemerkte ich verwundert, daß ich geradewegs durch das Chrysler Building gelaufen war. Schon komisch, diese New Yorker! Wo die überall ihre Subway-Ausgänge plazieren! Auf der 42nd Street ging es weiter Richtung East River, wo ich ein wenig enttäuscht von den Gebäuden der United Nations war. Das hatte ich mir ein wenig pompöser vorgestellt. Vielleicht lag es auch daran, daß man nicht bis zum Fluß gelangte, weil die Straße dort immer noch als Schnellstraße entlangführt. Ich drehte mich um, entzog mich dem eisigen Wind, indem ich wieder in die 42nd Street ging, um schnellen Schrittes zurück zum Grand Central Terminal zu eilen, von wo aus mich die Linie 7 zurück nach Queens bringen sollte.

Im Bahnhof angekommen, beobachtete ich die Aufbauten eines Squash-Courts für die eine Woche später stattfindenden Wettkämpfe. Mitten im Bahnhof! Jetzt mußte ich nur noch meinen Zug finden… Zwischendurch kaufte ich mir eine Flasche Mountain Dew, weil ich doch arg schwitzte, was an meinem strammen Schritt lag. Ich hatte immerhin bislang mindestens neun Kilometer zurückgelegt. Und da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, machte ich bei diesem Kauf meinen dritten Fehler, denn ich kaufte „Diet“. Schmeckte gar nicht mal so gut das Zeug! Nach der Ankunft an meinem Stammbahnhof ließ ich den Abend bei „Pete’s Grill“ ausklingen, den viele Hotelbesucher, die eine Bewertung bei holidaycheck hinterließen ausdrücklich lobten. Als ich nach mehr als zwölf Stunden endlich wieder im Hotel war und die qualmenden Füße aus den dampfenden Schuhen befreite, mußte ich innerlich schmunzeln, hatte ich doch heute insgesamt über 9 km Wegstrecke zu Fuß hinter mich gebracht, sage und schreibe 414 Fotos gemacht, bei denen ich zwei Akkus leergeknipst hatte, 60% meine iPhone-Akkus verbraucht und an diesen Zeilen fast vier Stunden geschrieben. Immerhin war es mittlerweile fast sechs Uhr deutscher Zeit. Da sag noch mal einer, das hier wäre Urlaub!

Daß ich abends eigentlich im Madison Square Garden das Eishockeyspiel zwischen den New York Rangers und den Toronto Maple Leafs schauen wollte, hatte ich völlig vergessen.

meine Wegstrecke