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Nach einem ausgiebigen Schlaf wachte ich morgens um 07.00 Uhr auf und begab mich zunächst einmal unter die Dusche, bevor ich zum Frühstück ging, wo ich den weiteren Tag plante. Der Tagesplan gestaltete sich eigentlich relativ einfach, denn irgendwie hatte ich die ganze Zeit den High Line Park im Kopf. Also suchte ich mir von den Tagesrouten aus dem Reiseführer welche aus, die in der Nähe vom High Line Park lagen. Ich bastelte mir aus vier Routen eine zusammen und wollte vom High Line Park aus bis zum Union Square in einem großen Bogen in südlicher Ausdehnung laufen. Am Ende des Tages wurde es zwar wesentlich mehr, aber die Dinge, die ich eingeplant hatte, habe ich alle gesehen.

Ich entschied mich nach Verlassen des Hauses und der Fahrt mit der Linie 7 dazu, an Grand Central Station umzusteigen und vier Stationen mit der grünen Linie (4, 5 oder 6) in Richtung Downtown zu fahren, um an der Haltestelle Union Square in die graue Linie L umzusteigen. Die mußte ich nur bis zur Endstation fahren, was lediglich zwei Stationen waren und von dort aus war es am kürzesten zum High Line Park, von wo aus ich meinen Exkurs beginnen wollte.

Ich stieg also aus der Subway-Linie L aus und erklomm die Stufen zum Tageslicht. Dort angekommen, orientierte ich mich ganz kurz und ging dann über die Gansevoort Street in Richtung Hudson River. So mußte ich unweigerlich auf das südliche Ende des High Line Parks treffen, wenn mich meine Straßenkarte nicht getäuscht hatte. Und genauso war es auch: Als ich an den ehemaligen (und teilweise wohl auch noch aktuellen) Lagerhallen vorbeiging, erspähte ich die Hochbahntrasse, die hier ihr abruptes Ende fand. Ich stieg die Treppe nach oben und war am ersten Punkt meines heutigen Wandertages angekommen. Nach Osten konnte man den Hudson River erkennen und westlich lagen Teile des Meatpacking Districts. Ich schlenderte einen Teil des High Line Parks entlang, kehrte um und verließ ihn auf dem gleichen Weg, auf dem ich ihn betreten hatte. So interessant fand ich den Park jetzt entgegen meiner ersten Vermutung gar nicht. Die Idee, die hinter der Entstehung des Parks stand, scheint mir da schon wesentlich interessanter. Mich faszinierten hier im Meatpacking District vielmehr die ganzen alten Lagerräumlichkeiten, in denen sich jetzt u. a. Boutiquen angesiedelt hatten. Mein Spaziergang durch die Straßen hier stand unter dem Motto „Wandel der Zeiten live erleben“. Ich ging zwei Blocks über die Washington Street in Richtung Süden und bog dann nach links in die Jane Street ab, wo ich bis zur Greenwich Avenue wanderte. Als nächstes sollte das New Yorker „Neuschwanstein“ in Augenschein genommen werden. Dabei handelt es sich um ein Gebäude der New York Public Library mit einem Turm, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem deutschen Schloß Neuschwanstein haben soll – meinen zumindest die Amerikaner.

Auf Höhe der W 10th St mußte ich nach links abbiegen und konnte den Turm rechter Hand entdecken. Leider war ein Teil des Gebäudes mit einem Baugerüst umgeben, aber für ein paar Fotos reichte es. Der nächste Programmpunkt war also imaginär abgehakt und ich konnte weiterziehen. Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen, was die Sache nicht unbedingt erleichterte, denn unter der Wollmütze, die ich sicherheitshalber aufgesetzt hatte, war es auch so schon warm genug. Jetzt wurde es durch die Kapuze zwar nicht wärmer, dafür wurde aber mein Blickwinkel deutlich eingeschränkt. Ich watschelte ein paar Meter weiter in Richtung Süden und entdeckte das Straßenschild der Christopher Street. Hier hat also die Schwulen- und Lesbenszene ihren Ursprung. Und wenn wir in Köln schon jedes Jahr den Christopher Street Day feiern, dann schaue ich mir doch die namensgebende Straße mal etwas genauer an. Aber es war eine ganz normale Straße. Was hatte ich erwartet? Auf der Straße tanzende Schwule? Singende Lesben? Blödsinn! Natürlich war es eine ganz normale Straße. Es gab hier lediglich ein paar Clubs, die der Homosexuellenszene zuzuordnen sind. Ich konnte also weiter. Als ich an der nächsten größeren Kreuzung ankam, entdeckte ich einen winzigen Park, in dem eine weiße Skulptur stand, so daß ich einmal abbog, um in den Park zu gelangen und das „Gay Liberation Monument“ zu fotografieren.

Und nun muß sich in meinem Orientierungssinn ein schwerer Ausnahmefehler eingeschlichen haben, denn als ich den Park verließ und auf der Seventh Avenue in südlicher Richtung unterwegs war, ging ich eigentlich in Richtung Norden, was ich aber erst drei Blocks später bemerkte, als ich mein iPhone zücken mußte, weil mich schon so ein komisches Gefühl beschlich. Nun muß man dazu sagen, daß die Straßen in der Lower West Side nicht mehr alle im 90-Grad-Winkel zueinander stehen und auch nicht mehr numerisch benannt sind. Also eigentlich sieht es hier aus wie in jeder „normalen“ Großstadt auch. Die Straßen gehen voneinander in allen möglichen Winkeln ab und haben Namen weitestgehend ohne Zahlen. Und schon kommt man vollkommen durcheinander! Die Karte auf meinem iPhone sprach jedoch eine deutliche Sprache: Ich hatte gegen das Straßenwirrwarr verloren und konnte meine Niederlage nur noch dadurch vertuschen bzw. mildern, wenn ich auf dem Absatz umkehren und die drei Blocks zurückgehen würde. Es blieb mir also nichts anderes übrig. Mein Orientierungssinn versuchte zwar im Unterbewußtsein, mich von diesem Weg wieder abzubringen, weil er der festen Überzeugung war, ich würde nun in die falsche Richtung gehen. Die kopierten Straßenkarten aus dem Reiseführer waren mir hier absolut keine Hilfe, denn dort waren in den Straßen keine Namen eingetragen. Zudem waren sie durch den Regen teilweise schon so aufgeweicht, daß ich sie schon nicht mehr falten mußte. Jetzt wird sich der geneigte Leser mit Sicherheit fragen, warum ich nicht meine Plastikstraßenkarte, von der ich eingangs schrieb, mitgenommen hatte, weil diese ja wetterfest ist. Ganz einfache Antwort: Ich weiß es nicht. Ich hatte mich am Morgen dagegen entschieden. Und diesen ganzen Umweg hätte ich mir sowieso komplett sparen können, wenn ich nicht unbedingt zum schmalsten Haus der Stadt New York gewollt hätte, in dem bereits Cary Grant wohnte. Das Haus ist nur 2,90 Meter breit und hat nur eine halbe Hausnummer.

Aber ich habe es gefunden! Zwischendurch mußte ich zwar noch einige Male mein Smartphone zücken, denn ich wußte den Straßennamen nicht, weil der ja in der Straßenkarte nicht eingetragen war. Als ich an einer Straßenecke ein letztes Mal auf die Karte im iPhone schaute, dachte ich, daß das Haus nicht mehr weit entfernt sein konnte. Ich mußte in jedem Fall an dieser Ecke links abbiegen und dann müßte das Haus im letzten Teilstück dieser Straße liegen, wenn meine Erfahrungen aus etlichen Schnitzeljagden in der Grundschulzeit für irgendwas nützlich sein sollten. Ich bog also links ab und konnte aus ca. 50 Metern Entfernung ein sehr schmales Haus erkennen. Das mußte es also sein. Und in der Tat hat es die Hausnummer 75 ½. Witzig! Nach den obligatorischen Fotos wurde der Haken auf der imaginären Liste gemacht und ich ging weiter. Von hier aus wollte ich bis zur West Houston Street, weil dort ein adidas-Outlet sein sollte und gleich daneben ein Hollister-Shop.

Ich ging ca. 200 Meter auf der Bedford Street und bog dann halblinks auf die West Houston Street ab. Diese Straße ist eine relativ breite Straße mit regem Fahrzeugverkehr. Unvorstellbar, daß hier gleich mehrere große Geschäfte liegen sollten. Ich kam mir vor wie auf der Nord-Süd-Fahrt in Köln. Ich mußte sieben Blocks gehen, bis ich am Broadway ankam, an dessen Ecke ich den Hollister-Shop erblickte. Und gleich gegenüber befand sich ein adidas-Store. Dieses Gebäude aber Outlet zu nennen? Ich weiß nicht. Ich kaufte mir rechts neben dem Hollister in einem duanereade-Drugstore meine erste Flasche Mountain Dew, denn vom Fußmarsch war ich ein wenig durstig geworden. Nach Verlassen des Drugstore ließ ich den Hollister rechts liegen und ging zum adidas-Store. An der Tür wurde ich von jemandem in einem Trikot des AC Mailand freundlich begrüßt. Und da das Tragen eines italienischen Trikots offensichtlich noch nicht reichte, um sich komplett zum Affen zu machen, prellte dessen Träger auch noch einen Mini-Fußball. Ich sah zu, daß ich eine räumliche Distanz zwischen den Angestellten und mich brachte. Eigentlich suchte ich ja nur ein Outlet, wo man eventuell adidas-Produkte billiger erwerben konnte. Mein Auge erspähte ein Trikot der Red Bulls New York. Das wäre doch ein schönes Mitbringsel! Bei $110 blieb es jedoch im Laden hängen. Preiswertes konnte ich hier jedenfalls nicht entdecken, also verließ ich den Laden wieder. Dabei entdeckte ich sogar ein Trikot des FC Bayern München und fragte mich nebenbei, wieviele Leute das hier wohl kaufen.

Der nächste Programmpunkt auf meiner Liste war der Washington Square Park, der in früheren Jahren wohl mal ein beliebter Treffpunkt für die Drogenszene war, mittlerweile aber als relativ sicher gilt. Ich wollte mir unbedingt den Triumphbogen Washington Square Arch anschauen. Im Internet hatte ich ein Foto davon gesehen, auf dem man durch den Triumphbogen die Türme des World Trade Center sehen konnte. Ich ging drei Blocks vom adidas-Store in Richtung Norden über den Broadway, der hier allerdings nicht viel Glamour versprüht. Dann bog ich nach links ab, um einen Block später wieder nach rechts und dann wieder nach links abzubiegen, denn ich wollte den Washington Square Park von der südöstlichsten Ecke aus erkunden. Als ich den Park an dieser Ecke betrat, suchte ich verzweifelt den Triumphbogen und konnte ihn zunächst nicht entdecken. Ich ging über die asphaltierten Wege des Parks entlang der Grünflächen und bewegte mich auf den mitten im Park befindlichen Springbrunnen zu, der zu dieser Jahreszeit logischerweise außer Betrieb war. Nördlich davon steht der Washington Square Arch, den ich in beiden Richtungen fotografierte. In nördlicher Richtung kann man durch ihn hindurch das Empire State Building sehen und in südlicher Richtung erscheint schon der 1WTC, wo früher die Twin Towers standen. Ich hielt nach Durchschreiten des Bogens inne und blickte in Richtung Süden. Wieder erlebte ich einen Moment, der mich maßlos ärgerte. Denn nun stand ich genau an der Stelle, an der wohl das Foto aufgenommen wurde, das ich im Internet entdeckt hatte. Nur fehlte bei meinem Anblick etwas. Und genau das ärgerte mich. Warum war ich nicht schon früher in New York, als die beiden Türme noch standen?

Ich drehte mich um und ging auf einer meiner Lieblingsstraßen in Richtung Norden, denn am Washington Square Park beginn die 5th Avenue. Nach einem Block sollte rechtsseitig eine sehr schöne Straße mit Kopfsteinpflaster und kleinen Häuschen liegen – die Washington Mews. Kleine Häuschen ja, Kopfsteinpflaster nein, Bauzaun ja. Und genau dieser Bauzaun sperrte den Weg zu der kleinen Straße ab. Als ich einen Blick über den Bauzaun warf, entdeckte ich, daß die ganze Straße aufgerissen war und dementsprechend kein Kopfsteinpflaster mehr lag. Zwei Blocks weiter nördlich bog ich rechts ab, denn ich wollte zum Union Square Park, der nur noch fünf Blocks entfernt war. Dort sollte sich ja „Filene’s Basement“ befinden, über das ich im Internet gelesen hatte, daß man dort Markenjeans für ca. 20 € bekommen sollte. Zu meinem Erstaunen fand ich den Eingang sofort ohne große Suche und begab mich ins Gebäude. Dort war dem Schild nach noch ein weiteres Geschäft untergebracht. Der Eingang sah zwar nicht unbedingt nach Geschäft aus, weil man in eine Art Hausflur kam und erst mit einer Rolltreppe nach oben fahren mußte. Das hatte mich zunächst davon abgehalten, das Gebäude zu betreten, weil es eben mehr nach Wohnhaus aussah. Aber die anderen Leute, die reingingen und rauskamen, sahen nicht unbedingt aus, als ob sie alle in dem Haus wohnen würden, sondern eher nach Shoppern. Ich ging also rein und fuhr mit der Rolltreppe nach oben. Dort lag linker Hand ein Ladenlokal, das Schuhe, Gürtel und Kleidung für Frauen verkaufte, wie ich durch die Schaufenster sah. Ansonsten gab es auf dieser Etage nichts, so daß ich wohl weiter mit der Rolltreppe fahren mußte. Als ich den Blick nach rechts wandte, sah ich, daß die Rolltreppe abgesperrt war und ein Hinweisschild angebracht war, das mir unmißverständlich mitteilte, daß „Filene’s Basement“ nicht mehr existierte. Schön, daß die Insidertips im Internet immer hochaktuell sind!

Als ich das Gebäude wieder verlassen hatte, wollte ich den Broadway entlanggehen und mindestens bis zum Herald Square gelangen. Sollte es bis zum Macy’s nicht das Sportgeschäft geben, in dem ich im letzten Jahr meine Tasche und meine Shirts gekauft hatte, dann würde ich dort in die U-Bahn steigen und ins Hotel fahren. Aber das Sportgeschäft gab es noch. Es liegt direkt gegenüber von Macy’s am Broadway. Dort verbrachte ich eine gute halbe Stunde und freute mich noch einmal, daß ich das Geschäft im letzten Jahr überhaupt entdeckt hatte. Ich wunderte mich darüber, daß Markierungsteller, die man im Fußball benutzt, hier extrem preiswert sind. So zahlt man lediglich $3,99 für zehn Stück, also umgerechnet zwei Euro billiger. Ich kaufte ein paar Dinge, die ich als Mitbringsel verwenden oder mir als Andenken ins Regal stellen würde. Nachdem ich bezahlt hatte, verließ ich das Ladenlokal und ging weiter auf dem Broadway in Richtung Times Square. Ich wollte jetzt noch zum Hard Rock Café, damit ich auch dort alles kaufen konnte, was mir quasi aufgetragen wurde. Auch das erledigte ich und stellte dabei fest, daß der Innenbereich im Hard Rock Café im letzten Jahr umgebaut wurde, denn es sah dort komplett anders aus. Im Anschluß benutzte ich die Treppe zur Subway neben der gegenüberliegenden Wache des NYPD und fuhr mit 7 Train ins Hotel. Unterwegs rechnete ich nach und fand heraus, daß ich den Broadway von der 14. Straße am Union Square bis zur 42. Straße am Times Square entlanggegangen war. Eine beachtliche Strecke, zumal das ja nicht das Einzige war, was ich heute zu Fuß bewältigte.

Nachdem ich in Queens angekommen war, kaufte ich im Drugstore gegenüber der Haltestelle noch drei Flaschen Coke und Fanta, die übrigens hier sehr chemisch gefärbt aussieht, aber trotzdem besser schmeckt, und kehrte kurz beim McDonald’s ein, bevor ich mich auf mein Hotelzimmer zurückzog.

Man sagt ja immer, Geschichte wiederhole sich nicht. Diesen Gedanken wurde ich heute den ganzen Tag nicht los. Ich war vor exakt einem Jahr ebenfalls in New York. Als ich dienstags unterwegs war, hat es dermaßen stark geregnet, daß ich völlig durchnäßt war. Ich kaufte am gleichen Tag in einem Sportladen ein und ging zum Flatiron Building. Und heute? Ich ging am Flatiron Building vorbei, kaufte im gleichen Sportgeschäft ein und spazierte durch den Regen. The same procedure as last year!

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