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Als ich morgens aufwachte und die Wetter-App auf meinem iPhone öffnete, wurde mir klar, warum ich nachts häufiger davon aufwachte, daß die Heizung ansprang, denn das Display zeigte mir -7 Grad Celsius an. Gut, es war noch sehr früh am Morgen und im Verlauf des Tages sollte das Thermometer bis auf vier Grad ansteigen und sonnig sollte es werden. Ich begab mich unter die Dusche, nahm meine Stadtpläne mit zum Frühstückstisch und plante während des vorletzten Breakfast meinen Tag, dessen Ablauf ich mir schon fast überlegt hatte.

Heute sollte der Trip in Richtung Central Park gehen. Starten wollte ich am Columbus Circle. Und auch heute habe ich mein vorgenommenes Pensum geschafft! Ich fuhr also wie immer mit der Linie 7 bis zum Times Square und stieg dort in die rote Linie 1 um, mit der ich lediglich zwei Stationen bis zum Columbus Circle fahren mußte. Als ich dort ausstieg, umrundete ich den Platz einmal, fotografierte alles, was ich mir vorher ausgeguckt hatte (Time Warner Center, Hearst Tower und das Columbus-Monument) und ging dann die Straße „Central Park West“ in Richtung Norden, also am linken Ende des Central Parks entlang. Übrigens ist das Columbus Monument der Punkt, von wo aus und bis zu dem alle Kilometerangaben berechnet werden, die New York City betreffen. Ich ging einige Blocks, bis ich das Ghostbusters Building zu meiner Linken sah. Das ließ ich nach einem kurzen Aufenthalt links liegen und ging weiter bis zum Dakota, in dem John Lennon bis zu seiner Ermordung wohnte und vor dessen Eingang er erschossen wurde. Dort bog ich nach rechts in den Central Park ab und wollte den Weg in Richtung 5th Avenue gehen, den ich vor einem Jahr in entgegengesetzte Richtung ging. Die zwei weiteren Blocks bis zum San Remo ersparte ich mir und fotografierte das Gebäude, in dem Bruce Willis und Steven Spielberg eine Wohnung haben, vom Park aus. Ich durchquerte Strawberry Fields, wo dieses Mal deutlich mehr los war als vor 12 Monaten und ging weiter in Richtung südöstliche Ecke. Auf meinem Weg durch den Central Park wollte ich in jedem Fall ein Foto vom Wollman Memorial Rink bzw. Trump Wollman Skating Rink machen. Doch urplötzlich, als ich mich an der Ruhe in diesem gigantischen Park erfreute und den vorbeifahrenden Kutschen zusah, hatte ich (wieder einmal) leicht die Orientierung verloren. Ich wußte zwar immer noch, in welche Richtung ich ging, aber war ich jetzt schon zu weit gegangen und konnte die Eisbahn, wenn ich dem Wegesverlauf folgen würde, nicht mehr erkennen? Oder würde ich noch an der Eisfläche vorbeikommen? Sofort fiel mir ein, daß ich mal in einem Reiseführer gelesen hatte, daß man sich sehr wohl im Central Park verlaufen kann, was ich damals nicht für möglich hielt, weil man als Orientierung ja weitestgehend die am Rand stehenden Häuser hatte, doch heute war es mir selber passiert, wobei ich mich ja nicht wirklich richtig verlaufen hatte. Aber daraufhin schaute ich mir die vielen Wege an, die doch dazu führen können, daß man von seinem eigentlich eingeschlagenen Weg weit abweichen kann.

Ich kam schließlich genau an einer Anhöhe an, von der aus man einen herrlichen Blick über die Eisfläche hatte und war also nicht schon zu weit gelaufen. Nachdem ich ein paar Fotos gemacht hatte, ging ich zurück zum asphaltierten Weg und bemerkte, daß in diesem Jahr trotz der Kälte viel mehr Leute im Park unterwegs waren als im letzten Jahr, als die Grünflächen vom Schnee bedeckt waren. Als ich den Park an dessen südöstlicher Ecke verließ, fotografierte ich The Plaza und den gegenüberliegenden Apple-Store, bevor ich die 5th Avenue in Richtung Süden ging. Übrigens ist mir auf meinem ganzen Weg über die 5th Avenue nicht ein einziger McDonald’s aufgefallen. Das paßt anscheinend nicht zwischen Bulgari, Versace, Cartier und Co. Ich ging die wenigen Blocks bis zum Trump Tower und bog dort links ab, weil hinter dem Trump Tower Niketown beheimatet ist und dahinter wiederum das ehemalige IBM Building, dem in den untersten Stockwerken eine Ecke fehlt, was architektonisch so gewollt ist (Nicht, daß jetzt einer denkt, die Ecke sei rausgebrochen.). Auf der einen Straßenseite ging ich hin und auf der anderen Seite wieder zurück. Niketown habe ich nicht betreten, denn dort sah es nicht wie in einem Sportgeschäft aus, sondern wie in einer Boutique. Da nahmen sich der amerikanische Branchenführer und der deutsche Sportartikelriese adidas wohl nicht viel. Und der Besuch bei adidas reichte mir, um bereits durch die spärlichen Schaufenster erkennen zu können, daß hier mit Sicherheit keine Schnäppchen zu machen waren. Also ging ich wieder bis zur 5th Avenue und betrat den Trump Tower, weil ich den dreistöckigen Wasserfall noch einmal mit meiner neuen Kamera fotografieren wollte. Im letzten Jahr war ich noch mit der Rolltreppe nach oben gefahren und dieses Jahr ging ich im Anschluß an das Foto geradeaus durch ins Atrium von Trump Tower und Niketown, das ich jedoch direkt rechtsseitig wieder verließ, um dann die wenigen Meter zurück zur 5th Avenue zu gehen.

Ich überquerte die Straße und betrat den Shop von Abercrombie & Fitch. Und was ich im letzten Jahr noch atemberaubend und hochinteressant fand, empfand ich nun als normal. Lag es daran, daß es mittlerweile in Köln auch einen Hollister-Store gibt, der von der Aufmachung gleich ist und man das Gefühl der Exklusivität hier jetzt nicht mehr hatte? Ich weiß es nicht. Mir kam es so vor, als ob wesentlich weniger Waren ausgelegt waren und da Abercrombie & Fitch ja seit November auch einen Shop in Düsseldorf betreibt, mußte ich mir hier und jetzt nicht unbedingt etwas kaufen, denn das hieße ja, daß ich den Einkauf würde tragen müssen. Und bei der noch zurückzulegenden Wegstrecke und der Kälte war es besser, wenn man die Hande ab und an mal in den Hosentaschen vergraben konnte, denn ich hatte mich am Morgen wieder gegen die Handschuhe entschieden, weil ich halbwegs freie Hand beim Fotografieren haben wollte.

Weiter ging es auf der 5th Avenue in Richtung Süden. Dabei schlenderte ich mehr und ließ die Umgebung auf mich wirken. Ich bog jedoch einmal noch nach links ab, um mir ein Stück Berliner Mauer anzuschauen, das dort in einem Innenhof aufgestellt ist. Als ich an besagter Stelle vorbeiging, war dort eine Garagenzufahrt und keine Berliner Mauer, was mich zu dem Schluß hinreißen ließ, daß die Mauer dann bestimmt rückseitig steht. Ich bin also zweimal rechts abgebogen und wieder in Richtung 5th Avenue gegangen und als ich an der betreffenden Stelle in der Mitte des Blocks ankam, standen fünf Mauersegmente vor mir. Die New Yorker gingen alle achtlos an ihr vorbei oder standen vor den Türen und rauchten, ohne der Mauer Beachtung zu schenken. Ich war der einzige Mensch, der sich für sie interessierte. Gut, für diejenigen, die dort rauchenderweise standen, war die Mauer nichts Außergewöhnliches mehr, wenn sie sie jeden Tag sehen und an ihr jeden Tag vorbeigehen. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Jedenfalls nicht diesen Standort, so eingepfercht zwischen zwei Hochhäusern in einem kleinen Vorhof mit ein paar Stühlen davor. Auf mich wirkte es ein wenig traurig, wie sie da so einsam und verlassen stand. Ich meine, das, was da vor mir stand und vor Euch rauchenden New Yorker, hat mein Volk 28 Jahre geteilt und etliche Schicksale besiegelt. Aber vielleicht muß man entweder aus Deutschland kommen oder sich für die Zeitgeschichte interessieren, um auch so denken zu können. Und wer weiß schon, an wievielen bedeutenden Punkten für die New Yorker ich achtlos vorbeigerannt bin. Ich hatte jedenfalls meine Fotos und konnte weiter in Richtung Rockefeller Center, denn es sollte ein Besuch der Aussichtsplattform „Top of the Rock“ folgen.

Das war mein Highlight des letzten Besuches. An der Kasse im Untergeschoß standen wieder nur wenige Leute an, so daß die, die durch ihr Voucher einen Vorteil hatten, weil sie an der richtigen Ticketschlange vorbeigehen konnten, dieses Mal wieder keinen Vorteil hatten, denn dort standen zwei Personen an und bei mir keiner. Ich kam also sofort dran und war eher fertig als die Voucher-Fritzen. Herrlich! Und schon ging es mit dem Aufzug nach oben. Jetzt mache ich ein Video von der Fahrt nach oben, weil die Decke des Aufzuges ja durchsichtig ist. Als wir den Fahrstuhl verließen und alle Leute direkt an den Fenstern stehenblieben und sich am Ausblick erfreuten, verschwendete ich damit keine Zeit, überholte alle Gaffer und machte mich auf den Weg nach ganz oben, zu dem Punkt, den die Gaffer – wenn überhaupt – erst  sehr viel später entdecken würden. Ich fotografierte in beide Richtungen, wechselte die Objektive und zoomte an einige Objekte heran und merkte, wie so langsam meine Finger abfroren, denn hier oben war es wieder deutlich kühler als unten auf der Straße, wo der Wind auch schon beachtlich um die Ecken pfiff. Und während ich auf der obersten Plattform stand, dem Himmel wieder ganz nah, wunderte ich mich erneut darüber, wie leer es doch generell hier oben war. Kein Gedränge an den Scheiben, kein Geschiebe auf den Rolltreppen. Es war ganz einfach wieder wunderschön. Zwar nicht mehr unbedingt vergleichbar mit dem ersten Besuch, aber das ist ja im Leben immer so. Als ich dieses Mal alles ausreichend gesehen hatte, ging ich zum Fahrstuhl und fuhr wieder nach unten. Ich wußte einfach, daß ich beim nächsten Mal wieder dort oben sein würde und freute mich schon darauf, weil der Ausblick einfach sensationell ist.

Ich ging unter dem Gebäude durch die Concourse-Ebene, an der sich zahlreiche Freßbuden versammeln. Von einer der Buden hat man auch einen herrlichen Blick über die Eisfläche auf der Plaza. Ich befand mich also sozusagen im Kellergeschoß des Rockefeller Centers. Ich ging in Richtung Ausgang zur 5th Avenue und kam genau gegenüber von St. Patrick’s Cathedral wieder ans Tageslicht. Mein nächster Besuch sollte dem NBA-Store gelten, weil ich wissen wollte, ob sich dort zum einen etwas verändert hatte und zum anderen, ob es dort vielleicht günstige Sport-T-Shirts gab. Was soll ich sagen? Ich habe den Laden nicht mehr gefunden. Dort, wo er eigentlich sein sollte, war er nicht. Meine abendliche Internetrecherche führte jedoch exakt zu der Stelle, wo der Laden nicht war. Ich verbuchte das unter meiner Blindheit und hakte das schnell ab. Weiter ging es zum NHL-Store. Dafür mußte ich zur Avenue of the Americas, wie die 6th Avenue auch heißt, gehen. Als ich dort ankam, lag der Store im Block gegenüber. Und genauso schnell, wie ich den Laden betreten hatte, verließ ich ihn auch wieder. Eishockeytrikots schön und gut, aber $170??? Runtergesetzte Ware war auch wieder keine zu finden, so daß ich innerlich schimpfend und kopfschüttelnd das Geschäft wieder verließ. Auf der anderen Straßenseite entdeckte ich das goldene M und überlegte kurz, ob ich meinem Hunger nachgeben sollte oder nicht. Ich entschied mich für nicht nachgeben und spazierte weiter in Richtung Westen. Wenn meine Berechnung stimmen würde, käme ich am Duffy Square an und genauso war es auch. Dort strahlte mich wieder so ein großes M an und jetzt war es soweit: Zwei Cheeseburger für $3,68. Wenn das mal kein Schnäppchen ist! Das McDonald’s-Einmaleins hat sich wohl noch nicht bis hierhin rumgesprochen. Was soll’s! Ist ja Urlaub! Ich ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die hier allerdings gut und gerne 80 Meter entfernt ist, weil es ja eigentlich zwei Straßen sind, die hier parallel nebeneinander laufen, nämlich Broadway und 7th Avenue, in einen von außen gut anzuschauenden Souvenir-Shop, der in der Tat alles hatte, was man brauchte und was man auch nicht brauchte. Dort vertrieb ich mir ein wenig die Zeit, wärmte mich auf und verließ das Gebäude wieder. Und als ich die nächsten Schritte ging, entschied ich, daß ich noch einmal die Straßenseite wechseln und beim Planet Hollywood schauen wollte. Doch auch dieses Mal war mich das Angebot nicht um. Die T-Shirts waren meiner Meinung nach von miserabler Qualität und den Preis von $22,95 nicht wert. Da war ich von Planet Hollywood Besseres gewohnt, so daß ich nichts kaufte und wieder auf die Straße ging. In Richtung Süden befand sich ein Duanereade, wie ich mittlerweile wußte und dort konnte ich mir etwas zu trinken kaufen, was ich auch tat. Nach dem Genuß der Flasche Mountain Dew für $2,22, wovon 23 Cent New York Tax sind, an der Ecke 42nd St/Broadway überlegte ich, ob ich noch bis zum Herald Square gehen sollte, denn die rote Tasche von Macy’s konnte ich gerade noch so erkennen, aber meine schmerzenden Füße flehten mich an, ich möge die Subway Richtung Queens nehmen. Mein Rücken meldete sich auch sofort und nutzte die Gunst der Stunde, während ich die Einkaufstasche von Macy’s fixierte. Und als ob sich alles gegen mich verschworen hatte, bat mich mein Körper nun doch, vernünftig zu sein, denn die Eiseskälte machte sich ebenfalls bemerkbar. Meine Haut im Gesicht spannte und das Gefühl in meinen Fingern hatte sich schon vor einigen Metern verabschiedet. Aber waren wir hier in Stalingrad bei arktischen Minustemperaturen? Nein! Also konnte es ja weitergehen. Als ich bereit war, den Kampf mit meinem Körper aufzunehmen, hatte der bereits klammheimlich die Oberhand gewonnen, so daß jetzt so langsam auch mein Gehirn an mich herantrat und mir ins Ohr flüsterte, wie warm es doch im Hotel ist und wie schön es sein kann, die Füße hochzulegen. Ich blickte innerlich einmal kurz auf und schrie „Ist ja gut! Ihr habt mich überredet!“ und ging in Richtung Subway.

Und so ging der vorletzte Tag in New York City durchgefroren zu Ende.

meine Wegstrecke