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Uhrzeit

Nach einem ausgiebigen Schlaf wachte ich morgens um 05.30 Uhr auf und nutzte die gewonnene Zeit, um mir meine Tagesroute zusammenzustellen, denn um die Uhrzeit wollte ich noch nicht aufbrechen, zumal es erst ab 06.00 Uhr Frühstück hier im Hotel gab. Die Wettervorhersage war wesentlich besser als gestern, denn an meinem dritten Tag sollte es sonnig bei 2 Grad Celsius werden, wenn man denn der Wetter-App meines iPhones Glauben schenken könnte, aber bislang stimmten die Vorhersagen meistens annähernd.

Sonne und ausreichend Zeit konnte eigentlich nur eines heißen: Brooklyn Bridge. Und schon stand ich vor einem großen Problem. Würde ich im Westen anfangen und mich dann gegen den Uhrzeigersinn über Ground Zero, Battery Park und Financial District immer weiter in Richtung Little Italy vorarbeiten, dann würde das bedeuten, daß ich mehr als den halben Weg meine Einkäufe aus den Souvenirshops des WTC Memorial würde schleppen müssen. Zudem wollte ich mir das Kaufhaus „Century 21“ gegenüber von Ground Zero anschauen. Sollte ich dort etwas finden, käme das noch hinzu. Also mußte die Route heute im Uhrzeigersinn gegangen werden. Doch wo sollte sie beginnen? Wenn ich mir das Restaurant „Katz’s Delicatessen“ anschauen wollen würde, welches an der East Houston Street liegt, dann läge danach erst einmal lange Zeit nichts, was mich interessieren würde. Sicherlich gäbe es immer etwas zu entdecken, aber dafür einen Fußmarsch von mehr als 1,5 km in Kauf nehmen, nur um ein Foto von einem Restaurant zu machen? Nein. Das Restaurant ist übrigens aus dem Film „Harry & Sally“ bekannt.

Also müßte meine Route ein Stück weiter südlich beginnen. Die Planung begann ich also mit dem Subway-Plan auf meinem iPhone. Die grünen Linien 4, 5 oder 6, mit der ich ja bereits gestern ein Stück gefahren war, bringen einen bis zur Bleecker Street bzw. eine Haltestelle weiter, zur Spring Street. Bei ersterer würde ich exakt neben dem adidas-Store aussteigen, den ich gestern besuchte. Von der Spring Street hingegen sind es nur knapp 100 Meter bis zur Mulberry Street, dem mittlerweile sehr kleinen Mittelpunkt von Little Italy. Damit stand meine Wahl und meine Tagesroute also fest: Little Italy, Chinatown, NYPD, Municipal Building, Brooklyn Bridge, City Hall, City Hall Park, South Street Seaport (mit Abercrombie & Fitch), evtl. New York Police Museum, Battery Park (mit The Sphere und Castle Clinton), Bowling Green mit Charging Bull, Wall Street (mit NYSE und Federal Hall), Trinity Church, St. Paul’s Chapel, Ground Zero, Winter Garden im World Financial Center und TriBeCa. Wenn diese Runde beendet sein würde, würde ich spontan entscheiden, ob noch weitere Unternehmungen sinnvoll erscheinen oder nicht.

Um es vorwegzunehmen: Ich habe es geschafft! Nachdem ich mir morgens beim Frühstück zwischen Bagel mit Philadelphia und Donut exakt 20 Notizen in meinem iPhone gespeichert hatte, damit ich wirklich unterwegs nichts vergesse, konnte es losgehen. Als Startpunkt hatte ich mir die bereits erwähnte Spring Street ausgesucht, von wo aus es wirklich nur ein Katzensprung bis zur Mulberry Street ist, die das Zentrum von Little Italy darstellt. Und in dieser Straße befindet sich wirklich ein italienisches Restaurant neben dem anderen. Und urplötzlich wandelt sich das Bild, denn sobald man die Canal Street überquert hat, verschwinden die italienischen Landesfarben und chinesische Schriftzeichen herrschen vor. Ansonsten gleicht sich das Bild doch, denn auch hier befindet sich ein chinesisches Geschäft neben dem anderen. Am Ende der Mulberry Street mache ich einen Schlenker um die Chatham Towers und dahinter erblickte ich sogleich das Hauptquartier der New Yorker Polizei. Was für ein häßlicher Betonklotz. Rund um das Areal war die Zufahrt für Pkw versperrt und wurde strengstens kontrolliert, während man als Fußgänger einfach an den Kontrollhäuschen vorbeigehen konnte. Da ich zum Municipal Building wollte, mußte ich jedoch die nächste Straße rechts abbiegen, wodurch ich unmittelbar vor dem Gerichtsgebäude landete. Der Komplex besteht insgesamt aus zwei Gebäuden, die einfach atemberaubend sind – so wie man sich amerikanische Gebäude, in denen amtliche Stellen untergebracht sind, vorstellt: Mit Marmorsäulen und einem Treppenaufgang. Das war schon sehr schön anzuschauen. Ich hielt mich jedoch links, denn dort steht das Municipal Building, in dem die Stadtverwaltung untergebracht ist. Wenn man vor diesem Gebäude steht, wie ich es tat, und nach oben schaut, dann hat man das Gefühl, daß dieses Gebäude nicht mehr aufhört, was wohl an der relativ schmalen Straße liegt. Wirklich beeindruckend, wenn man sich im Gegenzug so das ein oder andere deutsche Rathaus vor Augen hält.

Der Fußweg der Brooklyn Bridge liegt zwischen den Fahrspuren, so daß man am Fuße der Brücke vor dem Municipal Building zunächst die Richtungsfahrbahn Manhattan überqueren muß, bevor man ihn erreicht. Man beginnt auf der gleichen Ebene wie die Fahrzeuge, aber der Fuß- und Radweg wird in Richtung Brückenmitte bzw. erstem Pfeiler immer mehr angehoben, so daß man irgendwann sozusagen eine Etage über den Autos geht, wobei die Fahrbahnen rechts und links vom Fuß- und Radweg liegen. Unterhalb der Holzbohlen, die den Fußweg bilden, befindet sich nichts, bis auf einige Stahlverstrebungen, so daß man mitten über dem East River bis zum Wasser gucken kann, denn kleine Zwischenräume sind zwischen den Holzbohlen vorhanden. Und es war bitterkalt auf der Brücke, obwohl die Sonne schien. Hatte ich vielleicht doch die falsche Entscheidung getroffen, als ich die Handschuhe im Hotel ließ, um besser fotografieren zu können? Ich ging bis zur Brückenmitte, von wo aus man einen wirklich sehr schönen Blick auf Downtown Manhattan hat und machte wieder kehrt, weil ich ja noch ein Mammutprogramm zu
bewältigen hatte.

Als ich an der City Hall, die am Ende der Brooklyn Bridge liegt, ankam, mußte ich feststellen, daß auch diese von einem Baugerüst umgeben war und somit kein gutes Motiv abgab. Ich ging rechts neben der Brücke in Richtung East River bzw. South Street Seaport. Meinen Blick wandte ich dabei immer wieder dem Beekman Tower zu, der meine Aufmerksamkeit bereits den ganzen Morgen auf sich zog, weil es zum einen das höchste Wohngebäude der Vereinigten Staaten ist und zum anderen sieht das Gebäude leicht gewellt aus. Als ich die Straße entlang der Brücke in Richtung East River ging und wieder einmal nach dem Beekman Tower Ausschau hielt, konnte ich ihn nicht mehr lokalisieren, bis ich steil in den Himmel blickte, denn ich stand zu meinem Erstaunen direkt vor dem Eingang, ohne es jedoch bewußt wahrgenommen zu haben. Ich ging zur Rückseite des Gebäudes, das dort nicht mehr gewellt aussieht und zog meines Weges weiter in Richtung Fluß.

An der South Street befindet sich zunächst ein Mahnmal für die Verschollenen des Untergangs der Titanic. Direkt gegenüber hat Abercrombie & Fitch ein Ladenlokal und im gesamten Gelände der ehemaligen Hafengebäude haben noch etliche weitere Geschäfte ihren Platz gefunden. Auf mich wirkte das für Autos nicht zugängliche Gelände irgendwie unwirklich. Von außen sahen die Gebäude nach Hafen aus, aber innen befindet sich etwas anderes. Ich mußte unweigerlich ans Phantasialand denken. Ich weiß auch nicht, warum. Geradeaus lag Pier 17, wo u. a. die Water Taxis abfahren und direkt daneben (mathematisch sogar korrekt) Pier 16. Dort liegen mehrere Segelschiffe vor Anker, die vor der beeindruckenden Kulisse von Lower Manhattan ein sehr schönes Fotomotiv abgaben. Im Anschluß ging ich wieder zurück in Richtung Westen, weil ich A&F noch einen Besuch abstatten wollte. Dort fiel mir sofort auf, daß der Laden relativ leer war und es wohl mittlerweile einige T-Shirts auch in XL und XXL gibt. Hat die Firma der amerikanischen Bevölkerung genüge getan? Man weiß es nicht. Warum der Laden nicht überfüllt war, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht lag es daran, daß es noch sehr früh am Morgen war oder aber daran, daß der Laden hier nicht so bekannt ist. Generell war South Street Seaport aber sehr leer. Ich machte mir darüber aber keine weiteren Gedanken, entdeckte gegenüber von Abercrombie & Fitch den New Yorker Roßmann namens „duanereade“ und kaufte mir eine Coke. Die Kälte der Brooklyn Bridge war zum größten Teil verschwunden und in der Sonne war es sehr angenehm.

Ich schlenderte Richtung Süden und nippte gelegentlich an meiner Cola. Zwischendurch entdeckte ich immer wieder schöne Motive, weshalb ich die Cola abstellte und meine Kamera zückte. So zog sich der Weg ein wenig in die Länge und ich verlor jeglichen Sinn für die Uhrzeit. Es gab am östlichen Ende von Lower Manhattan nicht mehr viel zu sehen und die Fußwege waren bis auf einige wenige Raucher und Arbeiter auch weitestgehend leer, aber ich fühlte mich trotzdem gut. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber ich merke, wie ich innerlich grinse, wenn ich mich durch Lower Manhattan und den Financial District bewege. Das war schon letztes Jahr so und dieses Jahr bestätigte sich das. Und während den Blick schweifen ließ, erreichte ich die Staten Island Ferry und somit auch fast schon den Battery Park.

Bis dorthin waren es nur noch wenige Meter, die ich voller Vorfreude zurücklegte, denn gleich würde ich den südlichsten Punkt Manhattans erreichen. Als ich dort ankam, blickte ich zur Lady Liberty, der ich in diesem Jahr keinen Besuch abstatten werde und verabschiedete mich sogleich wieder von ihr, weil ich durch Castle Clinton in Richtung The Sphere ging. Von dort aus ging es weiter zu Bowling Green am Beginn des Broadway, wo seinerzeit Peter Minuit den Indianern die Insel Manahatta abgekauft hat. Vor dem Park steht der Charging Bull, der durch Polizeigitter abgesperrt war, so daß niemand auf ihm herumkletterte, wie es im letzten Jahr der Fall war. Ich ging am Bullen vorbei und näherte mich der Trinity Church, die ich aber heute nicht betrat. Das war der Punkt, rechts abzubiegen und den Weg auf der Wall Street fortzusetzen. Zumindest nur ein Teil davon, denn ich wollte ja nur einige Fotos vor der Börse und der Federall Hall machen und dann wieder zurück zum Broadway. Auch hier war die Fahrbahn durch Polizeigitter abgesperrt. Könnte das an den Protesten einiger New Yorker liegen, die im vergangenen Jahr stattfanden? Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nicht erfahren. Ich erklomm die Stufen der Federal Hall und fotografierte die NYSE mit dem Standbild von George Washington am rechten Bildrand. Ein ähnliches Bild hatte ich auf der Homepage von Singapore Airlines gesehen und wollte das selber fotografieren. Als ich das erledigt hatte, ging ich zurück.

Ein Blick in mein iPhone verriet mir, daß ich ein McDonald’s-Restaurant in meine Notizen aufgenommen hatte, in dem Live-Klaviermusik gespielt wird. Als ich das Restaurant betrat, hörte ich nichts und sah auch kein Klavier. Mein erster Gedanke: Toll, daß die Reiseführer alle so aktuell sind! Ich war ein wenig enttäuscht und ging wieder hinaus. Da entdeckte ich oberhalb der Tür tatsächlich eine Empore, auf der ein Klavier stand. Es war also doch nicht gelogen. Ich nehme alles zurück.

Da ich zum Kaufhaus „Century 21“ gehen wollte, mußte ich eine Straße weiter nach Westen. Als ich das Kaufhaus betrat, war ich doch relativ enttäuscht. Nicht nur, daß alles ein wenig unorganisiert aussah. Es war auch alles sehr teuer. Zwar lagen die Preise bei einem Drittel des eigentlichen Preises, aber alle so um die $150. Hatte man im Internet nicht davon gesprochen, daß es hier Ray-Ban für $20 geben soll? Und Designerjeans? Die gab es auch, aber die kosteten alle über $100. Also nichts wie raus. Reine Zeitverschwendung!

Der nächste Programmpunkt war „9/11 Memorial Preview Site“, das Geschäft, in dem ich im letzten Jahr die T-Shirts und die Kaffeetassen des NYPD gekauft hatte. Ich betrat den Laden und wurde gefragt, ob ich einen Visitor Pass für das 9/11 Memorial haben wolle. Klar wollte ich das und so reihte ich mich ein in die Schlange … der vier Leute. Es ging also relativ schnell. Ich erhielt meinen Visitor Pass, spendete freiwillig $2 und las auf dem Ticket, daß ich um 12.30 Uhr am Eingang sein mußte, der jedoch einige Blocks entfernt lag. Ich hatte also noch genau 15 Minuten. Ich verschaffte mir noch einen kleinen Überblick über die – man muß es so sagen – Merchandising-Artikel, verließ das Gebäude und folgte der Beschilderung, die mich in südliche Richtung führte. Nach einigen Blocks mußte ich einmal rechts abbiegen und stand am Eingang. Der wirkte auf mich so, wie bei einem Konzert. Man mußte unter freiem Himmel sein Ticket zeigen und wurde dann entlang eines Bauzaunes geleitet. Man ging geschätzte 250 Meter und bog dabei einige Male ab, ehe man zu einem Gebäude gelangte. Dort mußte man eine Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen, wie sie am Flughafen üblich ist. Also Jacke aus, Geld aus den Taschen, Gürtel ausziehen und alles in graue Kisten, die durchleuchtet werden, bevor man selber auch durch eine Sicherheitsschleuse muß, hinter der man alles wieder einpacken und anziehen kann. Wieviele Menschen hier arbeiteten!!! Irgendwie hatte der 11.9. ja dann doch was „Gutes“, wenn dadurch so viele Leute einen Job bekommen haben und so viel Geld damit verdient werden kann. Und dabei berücksichtige ich noch nicht einmal all die Firmen, die den Neubau betreuen, also Bauarbeiter, Architekten, Zulieferer etc. oder diejenigen, die den ganzen Schutt abtransportiert haben. Makabre Gedanken, aber manchmal kommt einem das schon in den Sinn. Ich will mich nicht in die Richtung verlieren, daß 9/11 vielleicht wirklich inszeniert wurde, um die Wirtschaft anzukurbeln oder hier irgendwelche Verschwörungstheorien unterstützen oder verbreiten. Es waren nur meine Gedanken, während ich meine Klamotten wieder einsackte.

Nach dem Verlassen des Gebäudes führt der Weg weiter am Bauzaun entlang, ehe man den Haupteingang zum 9/11 Memorial erreicht. Der bisher zurückgelegte Weg entspricht exakt dem südlichen Ende von Ground Zero plus einem Stück der westlichen Begrenzung. Bis man den South Pool, also das Bassin des Südturms erreicht, muß man ca. 100 Meter gehen. Das Geräusch des rauschenden Wassers vernimmt man jedoch schon eher. Es war trotz der stark befahrenen West Street im Westen und des herabstürzenden Wassers irgendwie gespenstisch ruhig.

Ein jeder Besucher hatte begriffen, wo er sich gerade aufhielt und irgendwie hielt jeder am Südturm inne. Erst hier werden einem die Ausmaße der Türme in der Breite bewußt, denn die Becken sind ja genauso groß in der Ausdehnung, wie es die Türme selber auch waren. Und während man so um den South Pool geht, fängt man unweigerlich an, die Namen an der Umrandung zu lesen. Hinter jedem Namen steckt ein Schicksal und die Namen hören gar nicht mehr auf. Und als ich dort so stand und selber einen Moment lang innehalten mußte, weil ich die Bilder der Twin Towers vor Augen hatte, wie sie vor dem 11.09.2001 aussahen und was während des 11.09. hier passierte, wurde mir klar, daß das hier das Unbeschreiblichste ist, was ich jemals in meinem Leben erlebt habe. Ich hatte nicht nur einen Kloß im Hals, sondern sogar Tränen in den Augen. Und wenn sich meine Blicke mit denen anderer Besucher trafen, sah man in deren Augen ebenfalls die Fassungslosigkeit und die Spur von Entsetzen, die der 11.09.2001 in der ganzen Welt ausgelöst hat. Die Leute standen teilweise vor dem Südturm, wenn ich den Pool mal so nennen darf, und schüttelten mit den Köpfen. Und genauso ging es mir auch.

Das Gefühl, das ich im vergangenen Jahr hatte, als ich das allererste Mal an Ground Zero war bzw. in der Nähe vor St. Paul’s Chapel, hatte ich nun auch wieder. Hier spielte sich also vor etwas mehr als zehn Jahren das Unbegreifliche ab, das ich zu Hause im Fernsehen sah. Hier schlugen zwei Flugzeuge in die Twin Towers. Ich hob meinen Blick und schaute nach oben. Natürlich waren die Türme nicht mehr da, aber ich sah sie dennoch. Ich blickte nach unten und sah den Asphalt mit neu gepflanzten Bäumen. Hier türmte sich also meterhoch der Schutt auf. Hier waren nicht nur mehrere Menschen verschüttet worden und konnten doch noch gerettet werden. Nein, hier waren auch etliche Menschen verschüttet worden und wurde eben nicht mehr gerettet. War es genau die Stelle, an der ich stand, wo vielleicht einer der Körper jener Personen aufschlug, die den Sprung in die Tiefe dem Tod durch Ersticken vorzogen? Es war nicht zu begreifen! Fielen hier die Trümmerteile runter, von denen ich in so zahlreichen Büchern gelesen hatte? Oder war das die Stelle, wo sich in der unterirdischen Passage mehrere hundert Menschen retten konnten? Ich spürte ein beklemmendes Gefühl. Ich mußte hier weg und wollte doch da bleiben. Hier spielte sich Geschichte ab, aber eine Geschichte, die niemand haben wollte. Ich hatte so viel über 9/11 gelesen und nun stand ich das erste Mal an der Stelle, an der sozusagen alles begann. Doch ich hätte lieber nichts über 9/11 gelesen, weil nichts darüber geschrieben werden konnte, weil es diese unmenschliche Katastrophe niemals gegeben hatte. Dann gäbe es dieses Mahnmal nicht und mehr als 3000 Menschen würden noch leben. Und vor allen Dingen stünden die beiden Türme noch. Das wäre mir jedenfalls wesentlich lieber gewesen, aber nun war es so.

Es war an der Zeit, loszulassen. Ich ließ also die Geschichte hinter mir, drehte mich am Ausgang noch einmal um und wurde vom 9/11 Memorial auf der West Street ausgespuckt.

Das paßte ganz gut, weil ich ja eh zum World Financial Center und dem dortigen Winter Garden wollte. Ich überquerte die West Street und ging Richtung Hudson. So gelangte ich hinter die Häuserreihe und der Winter Garden mußte meinen Berechnungen zufolge einen Block entfernt sein. Ich mußte jedoch zunächst ein weiteres Gebäude umrunden, ehe ich einen Eingang erspähte. Doch irgendwie sah das nicht so aus, als ob da jeder Normalsterbliche (Welche Wortwahl so unmittelbar nach dem 9/11 Memorial!) Zugang erhalten würde, denn die Türen sahen sehr klein aus und waren zumindest nicht mit „Winter Garden“ beschriftet. Ich ging trotzdem durch und stand … im Winter Garden. Am Ende des Gebäudes gegenüber der Bühne befindet sich eine Treppe, die ich nach oben ging, weil ich von da aus einen besseren Überblick über den gesamten Innenraum hatte. Zudem konnte man von dort in Richtung gegenüberliegende Baustelle schauen, wo gerade 1WTC entsteht. Das Gebäude hatte ich zwar vom 9/11 Memorial und auch vorher schon etliche Male fotografiert, aber noch nicht aus dieser Perspektive. Danach ging ich die Treppe wieder hinunter, weil ich von oben gesehen hatte, daß unterhalb ein Ein-/Ausgang lag. Mir schwante schon, daß es sich dabei um den Eingang handeln könnte, den ich im vergangenen Jahr für einen nicht öffentlichen Eingang gehalten hatte und deshalb auf dem Absatz kehrt gemacht hatte. Als ich durch die Tür ins Freie trat, bestätigte sich meine Vermutung. Ich mußte leicht schmunzeln. Wäre ich also letztes Jahr einfach durch die Tür gegangen, hätte ich den Winter Garden damals schon gesehen. Na ja, jetzt hatte ich ihn ja gesehen.

Mein Weg führte mich über die Fußgängerbrücke zurück, über die ich letztes Jahr in Richtung World Financial Center gegangen war. Am Ende der Treppe nutzte ich auch dieses Jahr die Lücke, um ein Foto zu machen. Dabei erinnerte ich mich an letztes Jahr. Damals war ich übrigens auch mittwochs hier gewesen. Am Ende der Fußgängerbrücke, die entlang des Bauzaunes in Richtung St. Paul’s Chapel führt, machte ich einen kleinen Schlenker nach links, weil ich „The Cross“ fotografieren wollte. An der Stelle, an der vor einem Jahr das Kreuz aus zwei Stahlträgern des WTC stand, stand nun ein anderes Kreuz. Wahrscheinlich wurde „The Cross“ auch schon in das Museum des 9/11 Memorial geschafft, welches derzeitig noch geschlossen ist, weil innen noch gebaut wird. Anschließend ging ich noch einmal in das Ladenlokal von „9/11 Memorial Preview Site“ und kaufte ein paar Andenken. Dabei ließ ich Kleidung komplett außen vor. Übrigens fiel mir auf, daß ich damit das vierte Mal in diesem Laden war, denn letztes Jahr war ich zweimal hier und heute auch.

Ich ging ein ganzes Stück weit über die Church Street, wechselte dann auf den West Broadway und ging bis zur Franklin Street. Nun befand ich mich mitten in TriBeCa, einem Stadtteil von Manhattan, in dem u. a. Robert de Niro, Jay-Z, Beyoncé und Mariah Carey wohnen. An einer Straßenecke der Franklin Street sollte sich eine Feuerwache befinden, die im Film „Ghostbusters“ deren Hauptquartier darstellte. Als ich an der Kreuzung ankam, konnte ich das Gebäude allerdings nicht finden. Ich war schon ein wenig enttäuscht, als ich beschloß, einen Block zu umrunden und als ich am gegenüberliegenden Ende des Blocks ankam, sah ich die Feuerwache doch. Nach ein paar Fotos drehte ich ab und ging zur Subway, von wo aus ich in Richtung Times Square fuhr.

Unterwegs beschloß ich, daß ich „Madame Tussauds“ einen Besuch abstatten könnte. Ich hatte zwar bislang von einigen Besuchern gehört, daß das Ganze (logischerweise) sehr amerikalastig sein soll, aber ich wollte mir selber ein Bild machen. Ich wußte schon, daß der Eintritt $36 kostet zzgl. New York Tax, was den Preis auf etwas mehr als $38 schraubte. Eigentlich ein viel zu hoher Preis. Aber die Umrechnung von Dollar in Euro in D-Mark erspare ich mir an der Stelle. Nachdem man ein Ticket erworben hat, begibt man sich eine Treppe nach oben, wo man von einer freundlichen Dame gefragt wird, ob man ein Foto von sich in den Händen von King Kong haben möchte. Das Foto wird mit der eigenen Kamera aufgenommen, so daß es nichts kostet. Vor mir waren vier Mann an der Reihe, so daß ich auf das Foto verzichtete und eine weitere Treppe nach oben ging, wo man auf einen Aufzug warten mußte, der einen dann in die neunte Etage brachte. Und dort begann der eigentliche Rundgang im Wachsfigurenkabinett. Nach Themen sortiert stehen die Figuren mitten im Raum oder an dessen Rand. Und so wird man von Etage zu Etage immer tiefer geführt, bis man in der fünften Etage ankommt, von wo aus man mit dem Aufzug in Richtung Erdgeschoß gebracht wird, wo sich der Ausgang befindet.

Zwischendurch durfte (oder mußte) man sich noch einen 4D-Film namens „Happy Feet“ anschauen, der mich allerdings nicht sonderlich vom Hocker riß. Die ausgestellten Figuren waren bekanntermaßen sehr gut nachgebildet und ließen sich schön anschauen. Wenn man mal davon absieht, daß pro Themengebiet maximal zwei Personen für einen Deutschen nahezu unbekannt sind, dann ist das meiner Meinung nach ein guter Schnitt. Vor dem Ausgang befindet sich der typische Souvenir-Shop, der sich allerdings auch nur bedingt von den Shops anderer Madame Tussauds unterscheidet. Logischerweise bekommt man hier die Freiheitsstatue und das Empire State Building als Nachbildung zu kaufen, während es in Berlin eben das Brandenburger Tor ist, aber im Endeffekt wird in beiden Shops das gleiche verkauft.

Während ich auf den Aufzug wartete, entdeckte ich übrigens an den Wänden die Handabdrücke einiger Prominenter bzw. waren es eher die Nachbildung der Hände. Es ist immer wieder lustig, die eigenen Hände mit denen der Stars zu vergleichen. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, daß die Hände von Michael Jackson genauso groß waren wie meine.

Nach Verlassen des Wachsfigurenkabinetts ging ich in Richtung Times Square zurück, wo ich mich in den Untergrund zur Subway verabschiedete und dort dann noch etliche hundert Meter zurücklegen mußte, ehe ich den Bahnsteig der Linie 7 im zweiten Untergeschoß erreichte. In Queens kaufte ich mir noch eine 2-Liter-Flasche Cola, denn zum einen waren die kleinen Flaschen auf die Dauer zu teuer und zum anderen hatte der Drugstore endlich wieder welche. Über den Preis von $2,25 für 2 Liter kann man wirklich nicht meckern. Hier lohnt sich dann auch die Umrechnung in Euro und der Vergleich mit den Preisen in Deutschland.

Im Anschluß ließ ich den Tag auf dem Hotelbett ausklingen und während ich die Fotos des Tages sichtete und eine Auswahl bei Facebook einstellte, überlegte ich mir schon, was ich am morgigen Tag machen könnte.

meine Wegstrecke